„Insgesamt ist Europa deutlich besser als sein Ruf“

Jan Meister, Geschäftsführer Meritum Capital Managers GmbH / Foto: © finanzwelt

2018 ist passé. Der Blick nach vorne gerichtet. Doch wie geht es an den Börsen dieser Welt weiter? Welche Rückschlüsse ergeben sich daraus für erfolgreiche Vermögensverwalter? Jan Meister, Geschäftsführer Meritum Capital Managers GmbH, stand hierzu im finanzwelt-Interview Rede und Antwort. So bleiben Schwellenländer-Investments für ihn eine attraktive Anlageklasse und der europäische Kontinent sei insgesamt stärker und kraftvoller als viele denken.

finanzwelt:  Das Börsenjahr 2018 ging für viele Investoren mit deutlichen Verlusten einher. Hat Sie Zeitpunkt und Ausmaß dieses “Abverkaufs” überrascht?

Meister: 2018 war ein etwas verrücktes Jahr. Die Wirtschaft lief gut und wurde durch die Steuerreform in den USA zusätzlich befeuert, so dass Unternehmen gute Gewinne erzielen konnten. An der Börse sind sich die Marktteilnehmer aber einig, dass der Konjunkturzyklus seit der großen Krise im Jahr 2008 nun schon über 10 Jahre alt und damit weit fortgeschritten ist. Somit steigen die Rezessionsgefahren. Vor dem Hintergrund war es sehr schädlich, dass die Politik so unberechenbar schien. Vor allem der Handelskrieg zwischen den USA und China machte der Börse zu schaffen, aber auch die europäische Politik war nicht hilfreich. Das Ausmaß der Politisierung der Börse und die Heftigkeit der Marktreaktionen waren nicht immer rational und in dem Sinne überraschend.

finanzwelt: Haben Sie diese Marktphase evtl. genutzt, um Veränderungen im Portfolio vorzunehmen?

Meister: Ja, absolut! Wir sind in das Jahr mit einer komfortablen Liquiditätsquote gegangen und konnten so in den verschiedenen Anlageklassen, die bewertungsseitig attraktiver wurden, zukaufen oder neue Positionen eingehen. So haben wir z.B. bei Anleihen aus Schwellenländern deutlich zugekauft. Gleichzeitig konnten wir erstmals auch US-Staatsanleihen kaufen als die Renditen hier deutlich angestiegen waren. Zu guter Letzt haben wir die Aktienquote im Laufe des Jahres deutlich erhöht. 2018 war zwar ein schwieriges Börsenjahr, es bot für einen antizyklischen Investor wie uns aber die Chance, zu verbesserten Bewertungen zu investieren.

finanzwelt: Gut ein Fünftel ihres Portfolios ist in die Anlageklasse europäische Aktien investiert. Kriselt es momentan nicht zu stark auf dem alten Kontinent?

Meister: Sorgen in Europa bereiten vor allem die Politik, der Populismus und die mediale Aufbereitung des Ganzen. Die Wirtschaft ist dabei robuster als viele es wahrnehmen. Der private Sektor – allen voran die Unternehmen – sind keinesfalls hoch verschuldet und kerngesund. Betrachtet man dagegen, dass 10-jährige Bundesanleihen deutlich unter 0,2% Rendite im Jahr bieten und andererseits europäische Aktien eine Dividendenrendite von ca. 4% aufweisen, wird deutlich, dass sehr viel Pessimismus eingepreist ist. Die Arbeitslosigkeit geht in Europa stetig zurück und die Reallöhne steigen. Wenn die Weltkonjunktur nicht zum Erliegen kommt, sind die Aussichten für den Unternehmenssektor in Europa positiv. Zudem könnte es helfen, wenn im zweiten Halbjahr die Wahlen für das Europaparlament und in Spanien sowie das leidige Thema Brexit zumindest teilweise abgehakt oder verdaut sind. Insgesamt ist Europa deutlich besser als sein Ruf. Darin liegt die Opportunität.

finanzwelt: Was erwarten Sie 2019 von Schwellenländer- Investments auch unter Zugrundelegung der US-Notenbankpolitik?

Meister: Schwellenländerinvestments haben 2018 primär unter den steigenden Zinsen in den USA gelitten. Hinzu kamen einzelne Problemländer, wie v.a. die Türkei, Argentinien und Sorgen um die Wahlen in Brasilien. Wir sind für dieses Jahr sehr positiv für Schwellenländer und hatten 2018 konsequent bei Anleihen und Aktien zugekauft. Es war immer klar, dass die US-Notenbank eine Pause bei Zinserhöhungen einlegen wird, wenn die wirtschaftlichen Risiken zunehmen. Mittlerweile hat die Notenbank das auch hinreichend kommuniziert. Damit stellt die US-Zinspolitik keinen Gegenwind für Schwellenländer mehr dar. Der neu gewählte Präsident in Brasilien verfolgt zudem eine wirtschaftsfreundliche Politik. Wenn dann noch eine Einigung im Handelsstreit zwischen den USA und China erfolgt, gibt es noch eine schöne Kursphantasie für Schwellenländerinvestments. Die Bewertungen sind auch nach der Erholung im Januar immer noch attraktiv.