ING IM: Renditehunger als treibende Kraft im nächsten Jahrzehnt

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Hans Stoter, Leiter Global Credit Investments bei ING Investment Management, kommentiert in einem Interview die Aussichten für Unternehmensanleihen, insbesondere im Hochzinsanleihen-Segment (High Yield).

(fw/ah) “Die Jagd nach Renditen wird strukturell vor allem vom demografischen Wandel in den meisten Ländern der Welt getrieben. Die alternden Gesellschaften haben erhebliche Konsequenzen für die Wirtschaft und Finanzmärkte. Die Bevölkerungsalterung wird das Wachstum der Wirtschaftsleistung dämpfen: Der Anteil der aktiven Erwerbsbevölkerung schrumpft, während die Produktivität Älterer vergleichsweise gering ist. Nach Berechnungen der OECD könnte die Zunahme des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in den entwickelten Ländern in den nächsten drei Jahrzehnten im Vergleich zur jüngeren Vergangenheit jedes Jahr um rund 1,7 Prozent sinken. Natürlich werden bereits Maßnahmen ergriffen, um einem solchen Rückgang der Wirtschaftsleistung zu begegnen, wenn auch die wirtschaftlichen Folgen einer alternden Bevölkerung wohl nicht völlig wettgemacht werden können.

Zudem haben die Kreditkrise von 2008/2009 und der anschließende Schuldenabbau die Konjunkturdynamik gebremst. Im Zuge der gewaltigen Konjunkturprogramme sind die Haushaltsdefizite in den letzten Jahren geradezu explodiert und müssen jetzt reduziert werden. Der Bankensektor muss seinerseits seine Bilanzen sanieren und den realwirtschaftlichen Fakten anpassen, während die Verbraucher immer noch zu viele Schulden und zu wenig Ersparnisse haben. Das Wachstum in den Industrieländern dürfte daher auch in den kommenden Jahren hinter dem Langzeitdurchschnitt zurückbleiben.

Das geringe Nominalwachstum zeigt sich theoretisch auch an den insgesamt niedrigen Renditen auf den Finanzmärkten. Die kumulierten Renditen künftiger Pensionspläne und Ersparnisse dürften daher im nächsten Jahrzehnt relativ niedrig ausfallen. Die Zahl der Erwerbstätigen, ihre Ersparnisse und potenziellen Erträge werden zwangsläufig in einem Missverhältnis zum Finanzierungsbedarf stehen. Das führt zu wachsendem Spardruck und der Notwendigkeit, maximale Rendite bei vertretbarem Risiko unter Gesamtmarktniveau zu generieren. Die Renditejagd wird daher im kommenden Jahrzehnt die treibende Kraft an den Kapitalmärkten sein.

Je nach Ausmaß wird dies die Gewinne der Unternehmen belasten und schließlich eine allgemeine Verschlechterung der Rahmendaten für Unternehmensanleihen mit sich bringen. Unser Basisszenario geht jedoch von einer zwar langsamen, aber stetigen Wachstumsentwicklung aus. Das würde reichen, damit HY-Emittenten ihre Ertragskraft auf einem soliden Niveau halten können. Zu den indirekten Folgen der Staatsschuldenkrise zählt die Risikoaversion der Investoren, die wiederum den markttechnischen Ausblick trübt. Wegen der recht niedrigen Liquidität im Markt kann schon geringer Verkaufsdruck bei bestimmten Anleihen immense Kursrutsche auslösen. Im Zuge wachsender Risikoscheu haben Investoren bereits ihre Gewichtung risikoreicher Anlageformen – vor allem Aktien und in gewissem Maße auch Hochverzinsliche – zurückgefahren. Aufgrund mangelnder Liquidität und der Flucht in Qualitätswerte haben sich die Spreads auf den Unternehmensanleihemärkten ausgeweitet. Insofern hat die Risikoaversion kurzfristig zu technischem Druck am HY-Anleihemarkt geführt.

Die Gesamtrenditeprognose von ING IM bleibt auf Jahressicht im oberen einstelligen Prozentbereich. Der Durchschnittskurs der HY-Indizes ist unter 100 Prozent gesunken (unter Berücksichtigung eines angemessenen Kurspotenzials), die Renditen liegen derzeit bei rund 8,5 Prozent. Bei den aktuellen Rahmendaten besteht nach Stoters Dafürhalten noch Spielraum für eine Spread-Verengung. “Die Rahmendaten von Unternehmensanleihen sollten sich in den nächsten zwölf Monaten nicht verschlechtern. Die von den Unternehmen erzeugten Cashflows, die sich 2009 und 2010 kräftig erholt haben, dürften auch in diesem Jahr auf hohem Niveau verharren. Damit stehen den Unternehmen ausreichend Mittel zum Abbau der Fremdverschuldung zur Verfügung”, so Stoter resümierend.”

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