Indische Reformen nehmen Fahrt auf

Michael Hasenstab, Executive Vice President, Chief Investment Officer Templeton Global Macro / Foto: © Franklin Templeton

Anfang dieses Sommers sind wir nach Indien gereist – es war eine gute Zeit für einen Besuch. Das Land hat in den jüngsten Jahren unter der Führung von Premierminister Narendra Modi, der seit Mai 2014 im Amt ist, ambitionierte Reformen in Angriff genommen. Die indische Wirtschaft scheint sich unter Modi belebt zu haben: das jährliche Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP), das vor seinem Amtsantritt 2013 noch bei 5,5 % lag, ist auf 7,5 % im Jahr 2015 und 8,0 % im Jahr 2016 angestiegen. Mit dieser Wachstumsrate liegt das Land unter den größten Volkswirtschaften der Welt an der Spitze, und es hat in den jüngsten Quartalen mehrere Wellen ausländischen Kapitals verzeichnet.

Derzeit befinden wir uns jedoch an einem kritischen Punkt für die Amtszeit Modis. Das Wachstum hat sich 2017 leicht abgeschwächt (auf ein geschätztes jährliches Wachstum von 7,1 %), da einige der Reformmaßnahmen kurzfristige Belastungen verursacht haben. Dies scheint einige Marktteilnehmer zu beunruhigen, die kurzfristigen negativen Auswirkungen auf das Wachstum sind häufig jedoch notwendige Konsequenzen aus der Umsetzung der richtigen langfristigen Lösungen.

Der Schlüssel für die Zukunft der indischen Wirtschaft wird aller Wahrscheinlichkeit nach nicht davon abhängen, wie sich das Wachstum in den nächsten paar Quartalen gestaltet, sondern vielmehr davon, ob Modi auch weiterhin die Art dauerhafter transformativer Reformen durchsetzen kann, die Indien benötigt, und ob hierdurch das wirtschaftliche Potenzial des Landes deutlich erhöht werden kann. Unserer Einschätzung nach ist dies durchaus möglich.

So wurden bereits (im Mai 2016) Konkursgesetze erlassen, die darauf abzielen, eine Durchsetzung von Verträgen zu unterstützen und letztlich eine verstärkte Darlehenstätigkeit zu fördern, indem sie das Vertrauen in das Finanzsystem stärken. Zudem wurden massive Anpassungen an der Abgabenordnung durchgeführt, im Zuge derer (im Juli 2017) eine Steuer auf Waren und Dienstleistungen eingeführt wurde, die dazu beiträgt, die Komplexität und Ineffizienz des inländischen Tarifsystems zu vermindern.

Die Regierung hat zudem (im November 2016) einen gewagten Plan umgesetzt, bei dem 86 % des umlaufenden Bargeldes entwertet wurde, um so finanzielle Mittel aus der Schattenwirtschaft herauszulösen und in die reguläre Wirtschaft einzubinden. Dies sind beispiellose und wichtige strukturelle Reformen für Indien – Modis Regierung ist es gelungen, Fortschritte in Politikfeldern zu erzielen, in denen es unter den vorherigen Regierungen seit Jahrzehnten keinerlei Bewegung gegeben hatte.

Aus makroökonomischer Sicht hat Modi zudem für dringend benötigte Stabilität gesorgt. Die Reserve Bank of India (RBI) hat eine aus unserer Sicht verantwortungsvolle Geldpolitik beibehalten und Maßnahmen zur Inflationsbekämpfung eingesetzt, um Phasen erhöhter Inflation, die die Wirtschaft destabilisieren könnten, ein Ende zu setzen. So ist die Inflation in Indien auf jährlicher Basis von über 10 % im Jahr 2013 auf unter 2 % im Jahr 2017 gesunken.  Auf der fiskalpolitischen Seite hat die Regierung unserer Ansicht nach ebenfalls ihren Beitrag geleistet, indem sie einen verantwortungsvollen Haushalt gewahrt hat. Auch die Leistungsbilanz hat sich gegenüber den 2013 verzeichneten hohen Defiziten deutlich verbessert.

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