In Japan führt nur Selektion zum Erfolg

Gottfried Urban, Vorstand der Bayerische Vermögen AG / Foto: © Bayerische Vermögen AG

Bei aller Begeisterung des Marktes für indexorientiertes Management, sollte nie der Blick auf Fundamentaldaten der Unternehmen vergessen werden. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass extreme Überbewertungen nicht nur in einzelnen Branchen und Nischenmärkten passieren, sondern ganze Regionen erfassen können.

Japan AG – unter diesem Begriff wurde das japanische Wirtschaftswunder der 1970er und 1980er Jahre zusammengefasst. Die ostasiatischen Unternehmen standen vorbildlich für Innovation und Geschäftssinn. Der japanische Aktienmarkt erwirtschaftete in dieser Phase die jeweils besten Zehnjahresergebnisse im Vergleich zu Europa und den USA. 1990 befanden sich unter den zehn größten Unternehmen der Welt viele japanische Banken. Doch zu diesem Zeitpunkt waren die Börsenbewertungen schon extrem übertrieben. Noch im gleichen Jahr platzte dann Japans Kredit- und Immobilienblase.

Heute liegt der japanische Aktienmarkt etwa 40 Prozent unter seinem Höchststand, den er in den 1990er-Jahren hatte. In der Nachschau handelte es sich um eine dramatische Überbewertung des Marktes. Teils war für Aktien der 100fache Jahresgewinn gezahlt worden. Zum Vergleich: Das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis der vergangenen 30 Jahre im Dax liegt bei 19.

Aktive Fonds schlagen den Index

Der japanische Markt zeigt jedoch auch, dass es selbst in einem langfristig fallenden Markt für einen aktiven Investor möglich ist, Anlagechancen zu finden. In Japan lag die Performance von vielen international ausgerichteten Qualitätsunternehmen höher als die vieler Unternehmen in Europa oder den USA. Das zeigen auch aktive Fondsmanager, die den Index deutlich schlagen konnten.

Ziel des Anlegers sollte es deshalb immer sein, hochwertige Unternehmen ausfindig zu machen und diese zu einem vernünftigen Bewertungsniveau zu kaufen. Heute sind japanische Aktien in den gängigen Weltaktienindizes mit etwa neun Prozent immer noch das zweitgrößte Ländergewicht hinter den USA mit 60 Prozent. Die Bewertungen liegen mittlerweile unterhalb des US-Aktienmarktes.

Notenbank stützt langfristig die Wirtschaft

Die japanische Notenbank wird voraussichtlich als einzige Zentralbank auch noch weit nach 2020 Ankaufprogramme unterhalten. Die Notenbank kauft seit Jahren nicht nur Staatsschulden auf, sondern speist den Markt über Aktienkäufe mit frischem Geld. Die Re-Inflationierung will einfach nicht gelingen. Seit 2000 liegt die Inflationsrate im Schnitt leicht im Minus. Die Erwartung für die Leitzinsen liegt für die kommenden fünf Jahre weiter bei Null. Die Zinsen sind nicht nur wichtig für die Wirtschaft, sondern noch mehr für den japanischen Staat, der mit 240 Prozent der Wirtschaftsleistung verschuldet ist.

Arbeitskräftemangel belastet

Neben dieser Monetarisierung, das heißt dem Rückkauf der öffentlichen Verschuldung und von Aktienpaketen, liegt die zweite große Herausforderung für Japan darin, einem Arbeitskräftemangel entgegenzuwirken, um das Wirtschaftswachstum zu erhalten. In Japan herrscht seit Jahren Vollbeschäftigung, doch der Anteil der arbeitsfähigen Bevölkerung sinkt. Neben Maßnahmen zur Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt scheint die japanische Regierung sogar bereit, sich vorsichtig für die Zuwanderung zu öffnen, zumindest in den Bereichen, die am stärksten unter dem Fachkräftemangel leiden. Dazu zählen der Pflegesektor oder die Baubranche im Vorfeld der Olympischen Spiele 2020 in Tokio.

In Japan wird es sich auch künftig lohnen, nicht in den Kategorien von „Märkten“ zu denken und sich darauf zu besinnen, was ein Aktieninvestment ausmacht: Nicht die Spekulation, sondern das Investment in die Qualität eines Geschäftsmodelles. Und dies zu einem Preis (Kurs), der im fairen Verhältnis zum Wert der Aktie steht.

Kolumne von Gottfried Urban, Vorstand der Bayerische Vermögen AG, München