In die „echte“ Zukunft investieren: Innovationen außerhalb des Technologiesektors

Evelyne Pflugi, CEO, Mitbegründerin und Leiterin Anlagestrategie von The Singularity Group und Dr. Aleksandra Gadzala, Dozentin an der Hochschule St. Gallen und Universität Zürich, Senior Fellow beim Atlantic Council und Mitglied des Expertenbeirats von The Singularity Group (v. li. nach re.) / Foto: © The Singularity Group

Während einer Krise vergessen Investoren allzu leicht, dass Talfahrten weitaus häufiger vorkommen als es die aktuelle Situation subjektiv suggeriert. Vergangene Marktabschwünge haben aber zeigt, dass eine langfristige Strategie – mit Betonung auf beiden Worten, langfristig und Strategie – die beste Medizin gegen Volatilitätspanik ist. Denn der Aktienmarkt hat sich historisch immer erholt und zu positiven Renditen geführt. Gerade Innovationsstrategien könnten die Corona-Krise überdauern und eine vielversprechende Anlage darstellen.

Europäischen Unternehmen wird oft nachgesagt, im Rennen um die digitale Vorreiterschaft von Asien und den USA überflügelt zu werden. Und hiesige Unternehmen würden aufgrund fehlender Investitionen in Forschung und Digitalisierung langfristig ins Hintertreffen geraten. Doch das Gegenteil ist der Fall: Der internationale Wettbewerbsdruck fordert europäische Unternehmen heraus, Innovationen effektiver zu gestalten. Gleichzeitig steigen die Erwartungen und das Nachhaltigkeitsbewusstsein der europäischen Verbraucher, die ein zunehmend wichtiger Treiber für Innovationen bei den Unternehmen sind. Vieles deutet darauf hin, dass Innovationen am stärksten – aber nicht nur – in Europas Produktions-, Gesundheits- und Mobilitätssektoren wertschöpfend angewendet werden.

Steigender Druck der Verbraucher auf Unternehmen als Treiber von Innovation

Die Verbraucher diktieren wann, wo und wie sie sich mit Marken beschäftigen und erwarten zunehmend nachhaltigere Produkte und personalisierte Lösungen. Um dem geänderten Verbraucherverhalten zu begegnen, wenden sich europäische Unternehmen verstärkt exponentiellen Technologien zu. Wir beobachten eine Verschiebung von Konsumentenorientierung hin zu Konsumentenzentriertheit in den Strategien von Unternehmen.

Der Fokus liegt dabei auf Anwendungen im Bereich Künstliche Intelligenz (KI), Erweiterter und Virtueller Realität (ER/VR), Robotik und Blockchain. Neue Energielösungen sind ein weiterer strategisch wichtiger Bereich, der von Umweltbelangen und den Klimazielen des Europäischen Parlaments angetrieben wird.

Technologie in Europa differenziert sich durch ihren Zweck: Unsere Untersuchungen zeigen, dass die Erwartungen der Verbraucher hinsichtlich Zweck und Nachhaltigkeit bei den sogenannten ‚schmutzigen Industrien‘ – wie Öl, Energie und Gas sowie Zellstoff und Papier –, im Gesundheitssektor sowie im Sektor Mobilität und Logistik am größten sind. Als Folge dessen finden hier bereits umfassende Transformationsprozesse statt.

„Schmutzige Industrien“ werden „grüner”

Gemäß einer Verbraucherumfrage von Pro Carton sagen 75 Prozent der Europäer, dass die Umweltauswirkungen der Produktverpackungen ihre Kaufentscheidungen direkt beeinflusst. Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, hat die europäische Papier- und Forstindustrie – die wegen ihres Anteils an Abfall, Entwaldung und Energieverbrauch als schmutzige Industrie angesehen wird – begonnen, exponentielle Technologien in ihren Wertschöpfungsprozess zu integrieren. Erste Erfolge in Schweden zeigen, dass die Anwendung von KI-Systemen in der Fertigung den Energieverbrauch drastisch reduzieren. Ein weiteres Beispiel, bei dem exponentielle Technologien zu mehr Nachhaltigkeit verhelfen, ist das Ölraffinerieunternehmen Neste Corporation. Das finnische Unternehmen ist mittlerweile unter anderem der größte globale Hersteller von erneuerbarem Diesel und bedeutender Anbieter von Biokunststoffen für die Verpackungsindustrie. Es wurde 2019 im Global 100 Index als drittnachhaltigstes Unternehmen der Welt eingestuft.

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