HSBC: Mandy Chan kommentiert die aktuelle Marktlage in China

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In China hat die geldpolitische Straffung Berichten zufolge zu einer riesigen Kreditklemme vor allem für kleine Unternehmen geführt. HSBC Fondsmanagerin Chan bewertet die Lage und erklärt, wann mit einem Ende der strikten Geldpolitik gerechnet werden kann.

Frage: Die geldpolitische Straffung in China hat Berichten zufolge zu einer riesigen Kreditklemme vor allem für kleine Unternehmen geführt. Dies könnte sich negativ auf das Wirtschaftswachstum auswirken. Wie schätzen Sie die Lage ein?

Mandy Chan: In China liegt das neu ausgegebene Kreditvolumen zwischen sieben und 7,5 Billionen Renminbi. Dabei müssen zwei Arten von Krediten unterschieden werden: Zum einen gibt es langfristige Kredite, die länger als drei Jahre laufen, und zum anderen kurzfristige mit einer Laufzeit von einem bis drei Jahren. Zurzeit sind rund die Hälfte der Kredite langfristig, etwa für Infrastruktur-Investitionen oder Bauprojekte. Die kurzfristigen Kredite werden eher für Betriebsmittel begeben und fließen potenziell an mittelständische

Unternehmen. Allerdings verleihen die Banken lieber Geld für große Bauprojekte oder an große staatseigene Betriebe, da diese eine höhere Liquidität und bessere finanzielle Leistungsfähigkeit aufweisen. Der Mittelstand hingegen ist nur zu einem sehr kleinen Prozentsatz an Chinas Wachstum beteiligt. Der größte Wachstumsträger ist der Immobiliensektor. Er kann sich auf 15 bis 16 mit dem Wachstum verbundene Faktoren auswirken und trägt so rund 20 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei. Zwar haben die mittelständischen Unternehmen am Beschäftigungswachstum einen höheren Anteil, dies wird aber keinen bedeutenden Einfluss auf das Wirtschaftswachstum haben. Während der Finanzkrise im Jahr 2008 ist die Zahl der notleidenden Kredite von kleinen und mittleren Unternehmen und im verarbeitenden Gewerbe weniger stark gestiegen, als wir erwartet hatten.

Frage: Der Vizeministerpräsident Wang Qishan fordert die Banken dazu auf, mehr Kredite an den in Bedrängnis geratenen Mittelstand auszugeben. Kann das als Zeichen für ein baldiges Ende der strikten Geldpolitik Chinas gewertet werden?

Mandy Chan: Wir erwarten, dass die Inflation in den nächsten zwei Monaten ihren Höhepunkt erreicht. Danach rechnen wir mit einer weniger scharfen Geldpolitik als im ersten Halbjahr. Es könnte eine weitere Zinserhöhung geben, allerdings sollte die Frequenz der Erhöhungen gegenüber dem ersten Halbjahr nachlassen.

Für jene Banken, die Kredite an mittelständische Unternehmen ausgegeben haben, wurden im vergangenen Monat die Anforderungen bezüglich der risikogewichteten Aktiva gelockert. Ihnen wurde erlaubt, mehr Schuldtitel auszugeben, um so ihre Kapitalbasis zu stärken. Das ist einer der Wege, um Chinas Mittelstand mehr Liquidität zu verschaffen. Von jetzt an wird die geldpolitische Straffung nachlassen. Die Regierung wird verschiedene Maßnahmen ergreifen, die auf unterschiedliche Themen abzielen – wie zum Beispiel die Kreditvergabe an mittelständische Unternehmen oder die Erlaubnis für Lokalregierungen in der zweiten Jahreshälfte, eigene Schuldverschreibungen auszugeben, um ihre wirtschaftliche Verfassung zu stärken.

Frage: Einem Pressebericht zufolge konnte ein Unternehmen der Shanghaier Regierung seine Kredite nicht zurückzahlen. Dadurch kamen Bedenken auf, dass es Ausfälle bei den speziellen Krediten für Regionalregierungen, den LGFV, geben könnte. Wie beurteilen Sie den Vorfall und sind Sie immer noch zuversichtlich für den Bankensektor?

Mandy Chan: Wir halten den Ausfall für ein einmaliges Ereignis. Es ist kein Thema, das Schule machen wird. Der Bericht der Bankenregulierungsbehörde CBRC zur Qualität der LGFV zeigt, dass rund 20 Prozent der Kreditnehmer nicht genügend Mittel haben, um ihre Schulden zu begleichen. Eine solche Quote haben wir bereits eingerechnet. Wir erwarten, dass die Banken rund 20 Prozent der Kredite, die sie an Regionalregierungen vergeben haben, in den nächsten zwei Jahren abschreiben müssen. Wir glauben, dass diese Verluste auch bereits in den Aktienkursen eingepreist sind. Daher setzen wir weiterhin auf den Bankensektor. Auch wenn strategische Investoren über die nächsten zwei Monate einige Bankaktien abstoßen werden, sehen wir in diesem Sektor gute Chancen für langfristige Anleger.

Frage: Die Regierung verkündete kürzlich, dass Besitzer von H-Aktien eine Dividendensteuer von zehn Prozent zahlen müssen. Wird sich diese Entscheidung bedeutend auf die Märkte und auf Ihren Fonds auswirken?

Mandy Chan: Institutionelle Investoren mussten schon immer zehn Prozent Steuern zahlen, daher wird die Auswirkung für diese Investorengruppe sehr niedrig sein. Für Privatinvestoren galt das bisher nicht. Allerdings wurde mit einer Besteuerung von bis zu 20 Prozent gerechnet. Da es jetzt nur zehn Prozent sind, erwarten wir keine starken Auswirkungen auf den chinesischen Aktienmarkt. Die entscheidenden Faktoren für die Kursentwicklung in China sind vielmehr die Unternehmensgewinne, das Kurs-Momentum und die Aktienbewertungen.

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