Hohe Cashquote vorhalten

Felix Herrmann - Foto: © ARAMEA AG

Es ist keine ruhige See, in der wir uns im Herbst 2022 befinden. Nein, sie ist stürmisch. Die Notenbanken heben die Leitzinsen, um die Inflation in den Griff zu bekommen und es mehren sich Anzeichen für eine Rezession. Aktien verkaufen? Cashquote aufstocken? Was gibt der Anleihemarkt her? Felix Herrmann, Chefvolkswirt ARAMEA AG, stand im Interview Rede und Antwort. 

finanzwelt: Nach Ihrer Ansicht, wie wird sich das Geschehen auf dem Kapitalmarkt im vierten Quartal entwickeln?
Felix Herrmann: Das vierte Quartal dürfte für Risikoaktiva ähnlich herausfordernd werden wie das dritte. Durch die fortgesetzt aggressive Straffungspolitik der Zentralbanken erwarten wir weiter steigende Renditen entlang der gesamten Bundkurve. Gleichzeitig ist mit einer durchaus handfesten Rezession in vielen westlichen Volkswirtschaften zu rechnen, was wiederum auch für Gegenwind auf der Aktienseite spricht. Wenn die Aktienindizes bis Jahresende nicht weiter abrutschen, würde ich das schon als Erfolg verbuchen.

finanzwelt: Inflation, Rezession – beherrschende Themen im zweiten Halbjahr 2022. Bedeutet das für Anleger, die „Füße still zu halten“ oder sollten sie eher ihre Anlagestrategien bald anpassen?
Herrmann: Spätestens bis jetzt sollten Anleger ihre Portfolios wetterfest – soll heißen „stagflationsfest“ – gemacht haben. Eine kurze Duration im Bondportfolio ist genauso wichtig wie ein Fokus auf margenstarke Qualitätsunternehmen auf der Aktienseite, die mit dem aktuellen Umfeld noch am besten klarkommen sollten. Gleichzeitig empfiehlt es sich, eine hohe Cashquote vorzuhalten, um attraktive Einstiegsniveaus, die sich häufig in der Frühphase einer Rezession ergeben, ausnutzen zu können.

finanzwelt: „Bonds are back“ war gelegentlich zu lesen; andere sagen, der Anleihemarkt sei momentan nur etwas für mutige Profis. Wie bewerten Sie das Chance-Risiko-Verhältnis des Anleihemarkts insgesamt?
Herrmann: Im Vergleich zu den Renditen, die wir aus den letzten Jahren gewohnt waren, muten die aktuellen Niveaus natürlich attraktiv an. Aber davon sollte man sich nicht täuschen lassen, denn am aktuellen Rand sind die Risiken aus unserer Sicht noch klar höher als die Chancen. Wir rechnen mit einem Anstieg der zehnjährigen Bundrendite auf mindestens 2,25% in den kommenden Monaten und das Einengungspotenzial bei den Risikoprämien ist eher beschränkt. Wir erwarten aber auch, dass sich das Ganze im kommenden Jahr dreht. Aber bis dahin heißt es: Geduldig bleiben!

finanzwelt: Wo erkennen Sie aktuell und kurz-bis mittelfristig gute Chancen für Anleiheinvestoren?
Herrmann: Mit Bundesanleihen ist auf Sicht weniger Monate kein Blumentopf zu gewinnen. Lange Laufzeiten sollte man bis auf weiteres auch meiden – egal welches Segment. Wir agieren derzeit eher frei nach dem Motto: lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach. Das beinhaltet eine klare Präferenz für sehr kurze Laufzeiten von weniger als zwei Jahren – am liebsten weniger als ein Jahr. Wenn man als Anleger das Glück hat und an entsprechende Unternehmensanleihen mit ausreichend solider Bonität gelangt, dann sind mit bis zu einem Jahr Restlaufzeit relativ risikoarm 2,5% Rendite oder mehr zu vereinnahmen. Als spannend erachten wir auch weiterhin Nachranganleihen mit kurzer Laufzeit. Nachränge mit Kündigungsdatum im Sommer nächsten Jahres liefern bspw. ihnen eine „Yield-To-Call“ in der Größenordnung von 5% oder gar mehr. Halten sie diese Anleihen bis Fälligkeit, werden diese Renditen Realität.

finanzwelt: Was bedeutet die aktuelle Lage für Multi-Asset-Portfolios? (mit Blick auf Gegenwind für Anleihen und Aktien)
Herrmann: Wir leben erstmals seit sehr langer Zeit wieder in einer Welt mit einer positiven Korrelation zwischen Aktien und Anleihen. Das bedeutet, dass anders als früher Verluste auf der Aktienseite nicht durch Gewinne auf der Rentenseite ausgeglichen werden können – und umgekehrt. Das macht natürlich auch die Diversifikation innerhalb eines klassischen Multi-Asset-Portfolios zu einer echten Herausforderung. Derzeit sehen wir kaum Alternativen zu einer sehr defensiven Aufstellung, die einerseits darauf ausgerichtet ist, die Verluste zu beschränken und andererseits ausreichend agil ist, um bei einer Verbesserung der Lage das schnelle Ergreifen von Chancen möglich macht. Eine hohe Cashquote macht dies möglich.

finanzwelt: Das Aktiensegment steht unter Verkaufsdruck. Welche Segmente/Aktien bzw. regionalen Schwerpunkte sind dennoch für die Krise „geeignet“?
Herrmann: Die konjunkturelle Perspektive spricht eher für US-Aktien als für europäische Titel. Zinssensitive Sektoren, wie Technologieaktien dürften es in den kommenden Wochen weiter schwer haben. Auch Nicht-Basiskonsumgüter sollten eher gemieden werden angesichts der vorherrschenden Lebenshaltungskostenkrise. Am ehesten erscheinen uns weiter Energiewerte attraktiv zu sein. Zumal wir auch mit wieder steigenden Energiepreisen im Winter rechnen.

finanzwelt: Welche positiven Signale könnten den aktuell düsteren Blick „aufhellen“?
Herrmann: Ein Ende der Lockdowns in China wäre sicher sehr hilfreich, auch wenn das den Ölpreis nochmal befeuern und so neuen Aufwärtsdruck bei den Energiepreisen nach sich ziehen sollte. Auch ein weiterer Rückzug der russischen Truppen in der Ukraine könnte die Risikofreude unter den Anlegern heben. Der größte „Game-Changer“ wäre aber sicherlich ein nachweislich nachlassender Inflationsdruck in den USA und der Eurozone, der es den Zentralbanken erlauben würde, ihre Zinsen nicht weiter anzuheben. Das wird wohl aber leider noch eine Weile dauern. (ah)