Höherschnellerweiter

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André Kunze, Geschäftsführender Gesellschafter der Prometheus Vermögensmanagement GmbH/ Foto: © Prometheus

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung e.V. (DIW) hat Anfang Juli eine neue Studie veröffentlicht, die sich mit den in Deutschland im Rahmen von Erbschaften übertragenen Vermögenswerten beschäftigt.

Legt man die aktuellen Berechnungen des DIW zugrunde, kommt es in Deutschland in den nächsten zehn Jahren im Rahmen von Erbschaften zu Vermögensübertragungen im Wert von bis zu 400 Milliarden Euro pro Jahr. Da derart große Zahlen für sich allein betrachtet recht abstrakt sind, ist es mitunter sehr hilfreich, diese zum besseren Verständnis mit anderen Größen in Bezug zu setzen.

Nehmen wir beispielsweise mal die mit gut zwei Billionen Euro viel zu hohen Schulden unseres Staates. Diese wären – man glaubt es kaum – mit den in Deutschland in gerade einmal fünf Jahren vererbten Vermögenswerten getilgt. Zugegeben, die betroffenen Erben würden an dieser Idee sicherlich keinen allzu großen Gefallen finden. Aber es ging hier ja weniger um die Idee einer kollektiven Enteignung von Erben, als vielmehr darum aufzuzeigen, welch unfassbar hohen Summen da jährlich im Rahmen von Erbschaften auf die nächste Generation übertragen werden.

Statistisch betrachtet ergeben die Zahlen des DIW für jeden Einzelnen der gut 80 Millionen Deutschen eine Erbschaft in Höhe von rund 5.000 Euro. Pro Jahr versteht sich. „Heute schon geerbt?“, ist man da geneigt zu fragen.

Bis zu seinem Renteneintritt erbt ein 65-Jähriger demnach im Schnitt 325.000 Euro und hat mit Altersarmut recht wenig am Hut. Eine Verzinsung von ein Prozent zugrunde gelegt, ließe sich aus der „Lebenserbschaft“ eine Zusatzrente von 1.500 Euro pro Monat erzielen, bis das Vermögen nach 20 Jahren – also mit 85 Jahren – aufgebraucht wäre. Dabei sind die 5.000 Euro, die der gute Mann in diesen 20 Jahren bis zum Ende seines Lebens weiterhin jedes Jahr erbt noch nicht einmal berücksichtigt.

Und…nicht zu vergessen: Die liebreizende Frau unseres 65-Jährigen käme natürlich auf den gleichen Betrag und würde das Rentnerdasein zur wahren Alterssause werden lassen. Unter dieser Perspektive irgendwie schade, dass unser deutsches Erbvermögen im wahren Leben nicht so schön gleichmäßig auf alle Köpfe verteilt wird.

Als Kollektiv strotzen wir Deutschen nur so vor Reichtum. Der Blick ins wahre Leben zeigt jedoch, dass das Ungleichgewicht bei der Verteilung des Vermögens zunehmend größer wird. Man könnte nun natürlich darauf verweisen, dass dies bereits seit Menschengedenken so ist und man dies schlicht zu akzeptieren habe. Während wir als Menschen aber Tag für Tag danach streben, alles technisch Machbare machbar zu machen, um unter anderem jeden Winkel dieses Universum zu erkunden, wird kaum ein Gedanke darin investiert, die finanzielle Ordnung unserer Welt in eine ausgewogenere Balance zu bringen.

Auch das ist irgendwie schade und eigentlich sogar ziemlich beschämend. Eine Gesellschaft, die nach jetziger Erkenntnis von sich behaupten darf, das Maß aller Dinge zu sein, könnte – etwas Zeit für sich selbst statt für Höherschnellerweiter verwendet – gesellschaftspolitisch ganz bestimmt vieles besser machen.

Kolumne von André Kunze, Geschäftsführender Gesellschafter der Prometheus Vermögensmanagement GmbH in Langenfeld