Heißer Herbst?

finanzwelt: Worauf gründet sich die erhöhte Volatilität? Welche Störfeuer (Stichwort Handelskrieg) erkennen Sie generell?

Karen Watkin: Die Bedrohung durch Handelsspannungen dürfte noch einige Zeit anhalten. Und das unvorhersehbare Hin und Her rund um die Details einer Vereinbarung dürfte die Marktvolatilität des Marktes weiter verstärken. In den USA haben die Märkte ein aggressives Vorgehen der Fed eingepreist und erwarten bis Ende dieses Jahres mehr als zwei Zinssenkungen. Solange die Abschwächung moderat ist, dürften die Zinssenkungen schrittweise erfolgen. Die Frage ist, wie wirksam diese Zinssenkungen sein werden. Während die USA und China in der Lage sind, mit aggressiveren Maßnahmen einzugreifen, sind wir mehr besorgt über diejenigen handelsabhängigen Volkswirtschaften, die weniger Spielraum für solche Maßnahmen haben, wie Japan und Deutschland.

Mlinaric: Ein sehr großes Problem für die Stabilität der globalen Wirtschaft geht nach unserer Ansicht von der Schuldensituation in den USA aus. Absolut und gemessen am BIP sind die Schulden des Staates während des Wirtschaftswachstums der vergangenen Jahre kontinuierlich weiter gestiegen. Lag die Verschuldung Mitte 2015 noch bei unter 100 % des BIP, so liegt sie heute bei circa 105 % – Tendenz stark steigend. Mit anderen Worten: Das Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahre wurde durch Schulden erkauft.

finanzwelt: Lassen Sie uns etwas über die jeweilige Chancen- und Risikoprofile einzelner Regionen sprechen. Bleiben wir einmal bei Europa. Wie steht es um den alten Kontinent?

Carsten Gerlinger: Die politischen Risiken in Europa, insbesondere rund um den Brexit und auch Italien, sind sehr hoch. Italien hat zwar eine neue, aber keine stabile Regierung und bleibt wirtschaftlich schwach. In Großbritannien läuft der Countdown, die Wahrscheinlichkeit eines Hard-Brexits ist hoch, auch wenn die Mehrheit der britischen Parlamentarier keinen No-Deal-Brexit haben will. Europa ist wirtschaftlich in keiner guten Verfassung, einige Länder (u. a. Deutschland) sind bereits in einer Industrierezession, weitere werden noch folgen. Andersen: Zusammen mit dem Handelskrieg liefern beide Themen Gründe dafür, dass der Markt unruhig bleibt. Italien, Großbritannien und die mit diesen Ländern verbundenen Risiken werden sich weiterhin negativ auf die Stimmung der Anleger auswirken. Und zusammen mit dem Handelskrieg wird dies ebenfalls die Geschäftsaussichten der Unternehmen und folglich ihre Investitionstätigkeit belasten. Dies dämpft das Wachstum und bewirkt, dass einerseits die EZB an ihrer lockeren Geldpolitik festhält und andererseits stärker über fiskalpolitische Impulse gesprochen wird.

finanzwelt: Viele Investoren bleiben sehr heimatverbunden. Sind deutsche Werte angesichts der sich eintrübenden Wirtschaft nach wie vor einen Kauf wert?

Gerlinger: Die deutsche Wirtschaft wird von dem wirtschaftlichen Abschwung bzw. der De-Globalisierung hart getroffen. Pauschal gesehen drängen sich daher deutsche Werte derzeit nicht unbedingt auf. Sicherlich gibt es immer wieder attraktive Sonderstorys, die kaufenswert sind. Wir bevorzugen aktuell weiterhin US-Aktien. Andersen: Sowohl Deutschland als auch die Europäische Union gewichten wir aktuell neutral. Einen positiven Impuls könnte die verstärkte Diskussion über eine mögliche lockerere Fiskalpolitik in Deutschland bewirken. Klar ist: Die schwache Konjunkturentwicklung in Deutschland wird Debatten über die Fiskalpolitik anheizen – und bereits diese Diskussion könnte deutschen Aktien einen Schub verleihen und zu höheren Renditen führen. In diesem Fall würden plötzlich Titel, die wir bislang uninteressant finden, zu Werten, in die Investoren einsteigen sollten. Daher empfehlen wir Anlegern gegenwärtig einen breiten Ansatz gegenüber Deutschland ohne besondere Schwerpunktsetzungen.

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