Hat die Finanzwirtschaft das Thema Nachhaltigkeit verschlafen?

Jürgen Arbter, Geschäftsführer Re’public Finanzkommunikation

Die Digitalisierung der Wirtschaft und insbesondere der Finanzökonomie läuft nach anfänglichem Ächzen und Stöhnen auf vollen Touren. Im Schatten des Megatrends Digitalisierung ist auf leisen Sohlen aber ein weiteres Megathema auf den Tischen der Manager gelandet: Nachhaltigkeit. Sustainability und Impact Investing sind Begriffe, die das Management erstarren lässt. Regulative Vorgaben aus Brüssel, dynamische Nachfrageprozesse im Markt stressen viele Finanzdienstleister. Zwei, die diese Situation seit Jahren haben kommen sehen, sind Anton Bonnländer und Volker Weber. Wie sie die aktuelle Lage einschätzen, und wo sie Lösungen sehen, hier im Interview mit Jürgen Arbter, Chef der Berliner auf Finance spezialisierten Kommunikationsagentur RE’PUBLIC, die auf eine 20-jährige Expertise in Sachen Nachhaltigkeitsstrategien zurückblicken kann.

„Sustainable Finance ist die neue Herausforderung für Management und Vertrieb bei Banken, Versicherungen und anderen Finanzdienstleistern. Warum scheint die Branche aktuell vom Thema so überrascht zu sein?“
Anton Bonnländer: Bisher herrschte bei vielen Akteuren der Finanzbranche der Grundgedanke vor, dass es hierfür keinen Markt gibt, dass sich hier nur wenige Idealisten tummeln, die ihre Geldanlagen nach rein ökologischen oder ethischen Kriterien ausrichten. Also warum hierfür Produkte entwickeln oder das eigene Unternehmen strategisch auf Nachhaltigkeit ausrichten?
Volker Weber: Ich ergänze mal. Andere sind schon länger aus ihrem Selbstverständnis heraus nachhaltig orientiert, tragen es aber nicht aggressiv in die Öffentlichkeit, und setzen es demnach auch eher “unterbewusst” oder zufällig und damit nicht konsequent in ihrer Unternehmensstrategie um. Ich halte das für eine große Nachlässigkeit!

„Welche Vorteile können Finanzdienstleister aus dem Thema für sich ziehen?“
Anton Bonnländer: Eine glaubwürdige, authentische Ausrichtung auf Sustainable Finance hat für die Öffentlichkeit und vor allem für Kunden viele positive Auswirkungen: Das Finanz-Unternehmen zeigt Verantwortungsbewusstsein, ökonomische Kompetenz und Zukunftsorientierung! Bankprodukte sind abstrakt und austauschbar, lassen sich mit Geldanlagen aber signifikante Reduzierungen von Schadstoffen, klar messbare Verbesserungen von Arbeits- und Produktionsbedingungen oder die intelligente Versorgung der Bevölkerung mit wichtigen Gütern wie Bildung, Gesundheit oder Mobilität verbinden, dann macht man eine neue Dimension auf. Hier kann ich mich als Anleger wohlfühlen! Das führt zu einer hohen Kundenbindung, zu einem positiven Image und damit verbundenem Vertrauen. Dieses Vertrauen fördert zusätzlich eine hohe Mitarbeiterbindung und steigert die Attraktivität für potenzielle Mitarbeiter – wenn Sustainability in den Dimensionen Ökologie, Soziales und gute Unternehmensführung auch im Unternehmen strategisch verankert ist und täglich gelebt wird.
Volker Weber: Die “plötzlich” auch in Deutschland wahrnehmbare Klimaerwärmung und deren Folgen haben zu einem Bewusstseinswandel in der breiten Bevölkerung geführt. Die hieraus bedingte Nachfrage nach sinnvollen Anlageprodukten steigt spürbar! Auch ökonomisch lässt sich, durch zahlreiche Studien belegt, ein risikomindernder Effekt bei Portfolios mit ESG-Orientierung versus konventioneller Anlageausrichtung belegen. Kurzum: Zeige ich als Finanzdienstleister über meine Mitarbeiter und Berater am Markt meine Kompetenz im Bereich Nachhaltigkeit auf, so wird ein Zuwachs bei Kundenzahl und Geschäftsvolumen sowie Imagevorteile eher nicht zu vermeiden sein!

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