Happy-End für Schwellenländer?

Jan Boudewijns, Head of Emerging Markets Equity bei Candriam

Vielleicht werden 2018 und 2019 in der Rückschau als die Jahre gelten, in der für die Schwellenländer alles anders wurde. Emerging-Market-Aktien haben sich lange Zeit sehr gut entwickelt – bis Anfang 2018. Seitdem sind die Kurse aber erheblich gefallen. 2019 könnte der Anfang einer leichten Erholung sein, auch wegen des noch immer recht hohen Gewinnwachstums und der nachlassenden negativen Einflüsse.

2018: Zölle und steigende Zinsen fordern ihren Tribut Das Jahr begann vielversprechend, aber der Erfolg war nicht von Dauer. Die US Federal Reserve begann, ihre Geldpolitik zu straffen, und die Steuersenkungen der USAdministration veranlassten viele US-Unternehmen, ihre Gewinne aus Übersee zurückzuholen. Das Ergebnis war eine weltweite Dollar-Knappheit, die als ungünstig für die Emerging Markets gilt.

Dann folgte die Zollankündigung von Präsident Trump, gefolgt von der Androhung weiterer Zölle, vor allem für Produkte aus China.

Aber nicht nur wegen des Risikos eines Handelskriegs sorgte man sich um die chinesische Wirtschaft. Sie wuchs schwächer, weil die chinesische Regierung die Kreditvergabe erschwerte, um eine Überhitzung zu verhindern. Zugleich brachen die Infrastrukturinvestitionen ein, die nach der internationalen Finanzkrise einen hohen Anteil am Wachstum der chinesischen Wirtschaft hatten.

2019: Einzelwertauswahl ist der Ansatz der Stunde

Es gibt Grund zur Annahme, dass es im amerikanisch-chinesischen Handelskrieg zu einem Waffenstillstand kommt. Schon oft folgten der scharfen Rhetorik von Präsident Trump sanftere Töne und Verhandlungen. Die NAFTA-Folgevereinbarung ist dafür ein Beispiel. Von einer Einigung zwischen China und den USA würden Emerging-Market-Aktien profitieren.

Die auf dem G20-Gipfel im Dezember getroffene Vereinbarung sorgt für eine kurze Verschnaufpause von nur drei Monaten. Wenn sich in dieser Zeit ein deutlich schwächeres Wachstum abzeichnet, wird Peking mit umfangreichen Konjunkturprogrammen reagieren.

Schon jetzt hat China Exportsubventionen initiiert, Steuersenkungen für Unternehmen und Privathaushalte eingeführt, die Mindestreservesätze gesenkt und neue Infrastrukturprojekte auf den Weg gebracht. Die Banken wurden angewiesen, mehr Kredite an den Privatsektor zu vergeben, auf den 60 Prozent der Wirtschaft entfallen. Außerdem könnte Peking den Renminbi abwerten lassen, um chinesische Exporte wettbewerbsfähiger zu machen.

Wenn sich 2018 wiederholt, wird 2019 sicher kein einfaches Jahr. 2018 war sehr volatil. Indien beispielsweise entwickelte sich hervorragend, bis der Finanzsektor einbrach. Andererseits sind brasilianische Aktien nach der Wahl von Jair Bolsonaro im Oktober kräftig gestiegen. Die Börse in Mexiko war stabil, bis die neue Regierung den Bau eines neuen Flughafens stoppte und die Bankgebühren deckelte. Seit Oktober ist die Aktie der größten Bank in Mexiko um 40 Prozent gefallen.

Da viele gut geführte Unternehmen die Aussicht auf Mehrertrag bieten, ist eine Einzelwertauswahl der optimale Ansatz für die Emerging Markets. Nachdem der Markt Wachstumswerte 2018 abgestraft hat, werden viele Anleger 2019 wieder in Qualitäts-Wachstumstitel investieren.

Kurzfristige Unsicherheit, aber guter Langfristausblick

Die Emerging Markets sind schwer zu prognostizieren. Böse Überraschungen sind möglich, vor allem durch weitere Zinserhöhungen der Fed und eine Eskalation des Handelskrieges.

Andererseits sind die Bewertungen nach der starken Korrektur jetzt attraktiv, und positive Überraschungen dürften Kursanstiege auslösen. Hinzu kommt, dass das Wachstumspotenzial der Emerging Markets höher ist als das der Industrieländer, wo die Risiken nachzulassen scheinen.

Wir raten, 2019 als eine Chance zu sehen, sich an einem überverkauften Markt zu engagieren, und empfehlen die Nerven zu behalten, um die guten langfristigen Fundamentaldaten zu nutzen.

Marktkommentar von Jan Boudewijns,
Head of Emerging Markets Equity bei Candriam