Großer Vertrauensverlust – günstige Einkaufskurse

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Daniel Zindstein, Leiter Portfoliomanagement, GECAM AG

Bieten Ängste und Sorgen günstige Kaufgelegenheiten, vor allem für die heimischen Aktienmärkte? Die ökonomischen Fakten sprechen dafür, denn aktuell liefern die Unternehmen weltweit ihre Berichte zum 2. Quartal ab und geben einen Ausblick in die Zukunft, die so schlecht nicht sein dürfte.

Die Herausforderungen der letzten 12 Monate waren Wachstumssorgen um China und globale Rezessionsängste, Negativzinsen für ein unvorstellbar großes Anleihenvolumen von mittlerweile rund 9 Bio. Euro, diverse geopolitische Krisen und jüngst, sozusagen als Höhepunkt, das Brexit-Votum. Was kann da noch kommen, fragt sich der geneigte Anleger und interessierte Bürger? Und in der Tat könnte die Abstimmung der Briten durchaus als bisheriger absoluter Tiefpunkt der Zufriedenheit der Bürger in der westlichen Welt, als Fanal der Globalisierungs-Dynamik, ja sogar als Wendepunkt in der Geschichte des Zusammenwachsens der Völker in die Geschichte eingehen.

Etwas Epochales ist im Gange

Folgt man dieser These, muss der Blick zunächst geweitet werden, weg von kurzfristigen wirtschaftlichen Entwicklungen, politischen Stimmungen und Ängsten in der Bevölkerung. Man kann sich fragen, ob nicht etwas viel Größeres, Epochales im Gange ist? Der europäische Einigungsprozess ist zunächst eine Erfolgsgeschichte nach dem 2. Weltkrieg. Traditionell zerstrittene Nationen in Europa finden zusammen und gründen eine Wirtschaftsgemeinschaft. Diese wächst und mündet in einen Kontinent mit freiem Waren-, Dienstleistungs- und Kapitalverkehr sowie Freizügigkeit von Personen und Arbeitskräften. Gleichzeitig werden die Sozialstaaten kräftig ausgebaut, was zu einem ersten Schub in den Verschuldungsquoten führt. Die Einführung des Euros wirkte für die Länder rund um das Mittelmeer wie eine warme Dusche aus billigem Geld. Wurde durch die Währungsunion mit den solventen Hartwährungsländern im Norden das Zinsniveau im Süden doch kräftig abgesenkt. Eine private sowie staatliche Verschuldungsorgie setzte ein, die zu einem weiteren massiven Ausbau der Staats- und Sozialhaushalte führte. Nun sind soziale Wohltaten immer gut begründbar, denn niemand will den vermeintlich Schwächeren etwas wegnehmen. Aber ein Anteil Europas an der Weltbevölkerung von rund 7 Prozent der jedoch für ca. 50% der Weltsozialausgaben steht, dokumentiert ein doch eventuell etwas in Schieflage geratenes Verhältnis.

Zentralbank ersetzt Finanzmärkte und definiert Regeln selbst

Mit der Finanzkrise im Jahr 2008 war es zunächst vorbei mit dem sorgenfreien, schuldenfinanzierten Wachstum. Die Geldgeber (Finanzmärkte) wurden skeptisch, ob denn die ganzen Schulden wirklich zurückgezahlt würden. Mit dem Rückzug der privaten Geldgeber schlüpfte die Zentralbank (EZB) immer stärker in die Rolle des Geldgebers der klammen Staaten. Und die Schuldenorgie geht weiter, denn Regeln (Maastricht) interessieren kaum mehr. Leider kommt dadurch eine fatale Abwärtsspirale in Gang: Die Kausalkette stellt sich wie folgt dar: Die EZB senkt die Leitzinsen ins Negative, kauft gleichzeitig Staatsanleihen und Unternehmensanleihen auf. Somit hält sie die Kosten für die Staatsverschuldung niedrig und senkt sie weiter ab. Die Verschuldung steigt natürlich dadurch weiter an. Strukturreformen finden kaum statt, da die jeweils regierenden Politiker nicht für unpopuläre Maßnahmen abgewählt werden wollen. Es fehlen also Anreize für Änderungen der Rahmenbedingungen, die zu mehr Investitionen, Wachstumsdynamik und der Schaffung von Arbeitsplätzen führen. Zum Beispiel Abbau der Staatsquoten, Aufbrechen der verkrusteten Arbeitsmärkte, Förderung von Investitionen der Privatwirtschaft und Beschneidung der Macht von sehr destruktiven Gewerkschaften, wie in Frankreich. Es wird lieber eine Rekordarbeitslosigkeit und die Perspektivlosigkeit einer ganzen Generation akzeptiert, mit Quoten in der Jugendarbeitslosigkeit von z.T. 50 Prozent, nur um nicht handeln zu müssen. Die Schuld wird währenddessen bei anderen abgeladen, im Ausland, am liebsten bei den Deutschen, die können das ja aushalten.

Aussetzung marktwirtschaftlicher Regeln führt zu weniger Wachstum

Um alles umsetzen zu können müssen natürlich Marktmechanismen und Regeln außer Kraft gesetzt werden. Es werden also Schuldenquoten umgangen und die EZB bestimmt ihre Vorgaben und Grenzen zur Staatsfinanzierung selbst. Gleichzeitig werden Banken „reguliert“, damit diese weiter in großem Stil Anleihen der Staaten zu Null- oder Negativrenditen aufzukaufen. Auch in anderen Bereichen des täglichen Lebens greifen 50.000 EU-Beamte sehr beherzt ein: Landwirtschaft, Gesundheit, Energieversorgung, Finanzindustrie, Automobil, u.v.a. – alles wichtige Sektoren, die durch wohlgemeinte EU-Bürokratie und „Regulierung“ massiv an Dynamik verlieren.

Versagen bei wichtigen gemeinsamen Themen führt zu Vertrauensverlust

Währenddessen werden die aus Bürgersicht wichtigen großen Themen nicht angegangen bzw. scheitern kläglich. Gemeinsames Vorgehen in der inneren Sicherheit, gemeinsame Außenpolitik, abgestimmte Flüchtlingspolitik, Abkommen des europäischen Binnenmarktes mit anderen Regionen der Welt (TTIP, CETA) und viele andere Themen scheitern kläglich. Kein Wunder, dass die Bürger ihr Vertrauen in die politisch handelnde Klasse verlieren und extreme Richtungen Zulauf haben. Der Brexit war hierfür ein erster konkreter Hinweis auf diese Entwicklung.

Es gäbe so viel Positives

Das Potenzial von Europa wäre riesig, würde man es nur nutzen. Die EU ist z.B. nach wie vor der größte Wirtschaftsraum der Welt. Das Potenzial, international aktiv an konstruktiven Regeln für den Freihandel mitzuwirken, ist also vorhanden. Es muss nur genutzt werden, dafür ist jedoch Einigkeit notwendig. Der europäische Binnenmarkt ist zweifellos eine Erfolgsstory. Darauf muss viel mehr abgezielt werden und die Vorteile herausgestellt werden. Auch der in Zukunft stattfindende freie Handel mit Großbritannien gehört dazu. Europa ist äußerst attraktiv für nahezu alle Unternehmen in der Welt. Kaufkräftige Bürger und nach wie vor vergleichsweise stabile Rahmenbedingungen (z.B. eine stabile Währung), bieten Raum für Investitionen. Wichtig wäre aber, dass vor allem europäische Unternehmen wieder im heimischen Markt investieren. Dafür ist Vertrauen in die Zukunft notwendig. Vertrauen wird durch verlässliche Politik, die Rahmenbedingungen setzt und diese selbst einhält, geschaffen. Vertrauen wird durch Chancen, die auch der jungen Generation Perspektiven aufzeigt, aufgebaut. Das würde sogar die Altersversorgungs-Systeme sicherer machen. Wir haben hervorragende und innovative Unternehmen. Von den sogenannten „Hidden Champions“, also weltweite Marktführer in ihrer Branche, sitzen knapp 50 Prozent in Deutschland! Leider nutzen heimische Kapitalanleger dieses Potenzial nicht, in dem man sich an solchen Perlen beteiligt. Wir jubeln lieber darüber wie attraktiv doch unsere Wirtschaft sei, wenn z.B. chinesische Investoren wieder einmal einen deutschen Weltmarktführer übernehmen.

Aktuell dominieren die Fakten der Unternehmensberichte

Über den ganzen politischen Überbau und die daraus resultierenden Ängste gilt es, die ökonomischen Fakten nicht aus den Augen zu verlieren. Aktuell liefern die Unternehmen weltweit ihre Berichte zum 2. Quartal und geben einen Ausblick in die Zukunft. Wie von uns immer wieder prognostiziert, sehen die Zahlen gar nicht so schlecht aus. Sowohl die deutschen Unternehmen, wie auch ihre Pendants jenseits des Atlantiks, liefern in Summe solide Zahlen und schütten zum Teil üppige Dividenden aus. Die deutsche Software-Schmiede SAP spricht gar davon, dass das Unternehmen so gut dastehe wie noch nie – immerhin der schwerste Titel im deutschen Leitindex Dax.

Deutsche Aktien sind günstig

Gute Zahlen sind die eine Seite der Medaille, der Preis den man dafür zahlt die andere. Jedoch auch bei der Bewertung schneiden deutsche Aktien sehr gut ab. Der Dax notiert derzeit auf einem Niveau, das einen 15prozentigen Einbruch der Unternehmensgewinne widerspiegelt. Aus heutiger Sicht steigen diese 2016 jedoch um ca. 6 Prozent! Rechnet man die Abschläge aufgrund der politischen Unsicherheiten heraus, so müsste der Index weit über 11.300 Punkte notieren. Legt man dann noch ein durchschnittliches Bewertungsniveau zugrunde, wie das in der Vergangenheit der Fall war, wären sogar neue Hochs über 12.400 Punkte gerechtfertigt. Übrigens ein Niveau, das die US-Indizes bereits erreicht haben. Dort sind einfach die politischen Rahmenbedingungen stabiler und verlässlicher. Kurzfristig entscheidet jedoch nicht die fundamentale Lage der Unternehmen über die Kursentwicklung, sondern die Stimmung der Anleger. Und diese ist unterdurchschnittlich. Eine Befragung der Bank of America unter den weltweiten Vermögensverwaltern zeigt eine Liquiditätshaltung auf höchstem Niveau seit November 2001 sowie die höchsten Absicherungen seit der Finanzkrise. Die Risikosicht ist also enorm. Was geschieht in einer solchen Konstellation, wenn die Indizes weiter steigen und auch in Europa wichtige Hürden, wie z.B. der Stand zu Jahresbeginn genommen werden? Erst dann macht sich Zuversicht breit, fließt das große Anlagegeld in die Märkte und eine Hausse beginnt.

Fazit

Politische Börsen haben kurze Beine heißt es oft. Dies trifft sicher auf temporäre Probleme zu. Die Anleger und Bürger sehen jedoch einer strukturellen Krise epochalen Ausmaßes entgegen, die die Stimmung ganz grundsätzlich gedrückt hält. Es bleibt zu hoffen, dass Europa die Erkenntnis gewinnt, wie wichtig attraktive und verlässliche wirtschaftliche Rahmenbedingungen sind. Es braucht Persönlichkeiten, die diese meist unpopulären Erkenntnisse ihren Völkern verkaufen können, als einzige zukunftsweisende Perspektive. Währenddessen gibt es attraktive Anlagegelegenheiten. Günstige Aktienkurse aufgrund der schlechten Stimmung sind nicht dauerhaft zu rechtfertigen. Es fehlt nur noch ein Impuls, um auch an den heimischen Aktienmärkten für eine dynamische Bewegung zu sorgen, die die US-Börsen bereits vorgemacht haben.

Autor ist Daniel Zindstein, Leiter Portfoliomanagement des Vermögensverwalters GECAM AG

www.gecam.de