„Großer Aufholbedarf im Rohstoffbereich“

Armin Sabeur / © OPTINOVA

Wie geht es weiter an den Kapitalmärkten? Spannende Fragen, die wir zum Ende des ersten Halbjahres mit Armin Sabeur, Vorstand und Portfoliomanager von OPTINOVA, diskutieren. Er sieht insbesondere im Rohstoffsegment erhebliches Aufwärtspotenzial.

finanzwelt: Generell gefragt, haben wir es mit einem „normalen“ Aufschwung (der Kapitalmärkte) zu tun?

Armin Sabeur: Momentan handelt es sich nicht um einen ökonomisch begründeten Aufschwung. Die Auswirkungen auf die einzelnen Unternehmen werden erst in der zweiten Jahreshälfte richtig sichtbar. In einigen Sektoren, wie der Luftfahrt- und Tourismusindustrie, ist bereits jetzt das katastrophale Ausmaß sichtbar. Andere Sektoren wie beispielsweise der Bankensektor, werden erst verspätet die Krise zu spüren bekommen. Hier wird eine erhöhte Kreditausfallrate eine wesentliche Rolle spielen, die zu einer erneuten Finanzkrise führen könnte. Dann wird jedoch die Grundsatzfrage gestellt werden müssen, inwieweit die heute aufgenommenen Schulden überhaupt zurückgezahlt werden können. Deshalb glauben wir, dass der jetzige Aufschwung auf mangelnde Anlagealternativen zurückzuführen ist. Die bereits bestehende Geldflut der Zentralbanken wird jetzt fiskalisch von den Regierungen in einen Schuldentsunami verwandelt, was bei dem jetzigen Zinsniveau keine guten Aussichten für Anleiheinvestoren bedeutet. Wie bereits gesagt, es muss die Frage gestellt werden müssen, ob der jetzige Schuldendienst langfristig überhaupt noch funktionieren kann. Alternativ könnte auch eine Inflationierung den Staaten helfen, die Schuldenlast abzuwerfen. Dies ist jedoch ein riskantes Spiel. An der Börse hingegen wird auf eine langfristige Erholung der Wirtschaft gewettet, was durchaus realistisch, aber kurzfristig noch nicht sichtbar ist. Außerdem werden wir in Zukunft erleben, dass es sehr viele gesunde profitable multinationale Unternehmen geben wird, aber auch viele hochverschuldete Staaten, die keinen Spielraum für Investitionen haben werden.

 

finanzwelt: Welche Faktoren können die Aktienkurse denn weiter beflügeln? Wird Europa vergleichsweise besser laufen als die USA?

Sabeur: Nur die vollständige Aufhebung des Lockdowns – je früher desto besser – würde die Weltwirtschaft wieder auf die Beine bringen. Dies kann durch einen Impfstoff oder durch eine Durchseuchungsstrategie erfolgen. Zwar sind amerikanische Aktien relativ zu europäischen Aktien aus fundamentaler Sicht überbewertet, aber Europa hat trotz gemeinsamer Währung keine gemeinsame Fiskalpolitik, die schnell umgesetzt werden könnte. Dieses Problem war schon in der Finanzkrise 2009 bekannt, wurde jedoch weiter in die Zukunft verschoben. Die Folge war, dass US-Banken heute viel besser dastehen als ihre europäischen Pendants. Des Weiteren stammen fast alle Unternehmen, die von der fortschreitenden Digitalisierung profitieren, aus Nordamerika. Jüngstes Beispiel für europäische Kleinstaaterei ist die Entwicklung einer Tracing-App. Hier wäre eine europäische Lösung sinnvoller gewesen, denn schließlich basiert der gemeinsame Binnenmarkt nicht nur auf freien Warenverkehr, sondern auch auf freien Personenverkehr.

 

finanzwelt: Kein Trend währt ewig („Mean Reversion“). Erwarten Sie eine Rotation der Anlagestile (Bspw. Growth vs. Value)?

Sabeur: Wie bereits in der vorherigen Frage dargestellt sind die amerikanischen Tech-Unternehmen die Gewinner der letzten zehn Jahre, wobei der Trend durch die Corona-Krise verstärkt wurde. Trotzdem kann es in den nächsten Jahren zu einer Renaissance der traditionellen Value-Unternehmen kommen. Die klassischen Industrien, wie beispielsweise der Bereich Lebensmittel und Rohstoffverarbeitung, werden auch weiterhin für die Menschheit von existenzieller Wichtigkeit sein. Ein Netflix-Account kann während einer Ausgangssperre für Ablenkung sorgen, aber letztendlich brauchen alle Menschen in erster Linie Lebensmittel und Energie, um zu überleben. Digitalisierung kann helfen, die Kosten zu senken und die Produktion effizienter zu gestalten. Die größte Lehre aus der Covid 19-Pandemie ist, dass internationale Unternehmen Produktionsstätten nicht auf einen Standort konzentrieren sollten.  Dezentralisierung und Diversifizierung der Wertschöpfungsketten werden Unternehmensentscheidungen in den nächsten Jahren prägen, um diese weniger anfällig für Pandemien und Naturkatastrophen zu gestalten.

 

finanzwelt: Welche Sektoren haben Ihrer Ansicht nach kurz- bis mittelfristig Potenzial nach oben? Welche Branchen werden sich unterdurchschnittlich entwickeln?

Sabeur: Wir sehen großen Aufholbedarf im Rohstoffbereich. Wobei kurzfristig die Energiewerte profitieren könnten, da diese massiv durch den Verfall des Ölpreises im ersten Quartal getroffen wurden und teilweise um den Buchwert gehandelt wurden. Langfristig sind wir sowohl für den Edelmetall- als auch für den Industriemetallbereich optimistisch. Ersterer ist bereits etwas angesprungen, hat aber noch weiteres Aufwärtspotenzial. Höhere Schulden erschüttern das Vertrauen in Papierwährungen und fördern Umschichtungen, insbesondere in Gold. Die Industriemetallseite ist schon alleine aus antizyklischer Sicht interessant. Fast kein anderer Sektor hat so stark gelitten wie der Rohstoffbereich. Und das seit sieben Jahren. Sollten die Regierungen aufhören Gelder nach dem Gießkannenprinzip zu verteilen und stattdessen anfangen mehr auf intelligente Infrastrukturprogramme zu setzen, um die Konjunktur anzukurbeln, dann wären Rohstoff- Förderer und Verarbeiter die größten Profiteure. Es bleibt abzuwarten, wie die nächsten Konjunkturprogramme in den USA, Europa und China aussehen werden. (ah)