Globale Börsen mit unterschiedlichen Tendenzen

Dr. Eduard Baitinger ist seit 2015 Head of Asset Allocation in der FERI Gruppe

Den Finanzmärkten ist ein überraschend positiver Jahresauftakt gelungen, wobei vor allem die europäischen Börsen deutlich zulegen konnten. Zwar ist die Konjunktur in Europa weiterhin fragil, aber die Wahrscheinlichkeit einer Rezession in den kommenden Monaten ist deutlich gesunken und nachlassende Energiepreise haben die Konsumlaune verbessert. Zudem ist durch die milde Witterung eine Gasmangellage in diesem Winter nahezu ausgeschlossen.

Zur Outperformance europäischer Aktien hat auch die massive Corona-Welle in China beigetragen. Dies erscheint zunächst widersprüchlich, da die chinesische Wirtschaft, die auch für die Märkte in Europa eine tragende Rolle spielt, derzeit deutlich ausgebremst wird. Die Finanzmärkte spekulieren aber schon jetzt auf eine spürbare Erholung in China, wenn die aktuelle Corona-Welle überstanden ist. Auch der entschlossene Kampf Pekings gegen die akute Immobilienkrise hat das Vertrauen der Investoren in chinesische Assets gesteigert. Von der Erwartung einer positiven Wende in China profitierten zuletzt auch Schwellenländeraktien. Die Emerging Markets werden zusätzlich durch die Trendwende beim US-Dollar unterstützt. Denn die zunehmende US-Dollarschwäche verbessert die Finanzierungskonditionen für Schwellenländer.

US-Unternehmen mit schwachen Gewinnaussichten

An den US-Börsen war die Entwicklung zuletzt weniger freundlich als in Europa. Dort deuten die Makrodaten auf klare Rezessionsrisiken hin. Zwar hat der Inflationsdruck in den USA nachgelassen, weshalb die Märkte erwarten, dass die US-amerikanische Notenbank einen weniger harten Kurs bei der Zinsstraffung einschlägt. Doch der nachlassende Zinsdruck allein reicht für eine nachhaltige Aufwärtsbewegung an den Börsen nicht aus. Hierzu sind konstruktive Fundamentaldaten entscheidend und diese sind derzeit nicht auszumachen. Da die Disinflation mittlerweile ausgiebig in den Aktienkursen eingepreist ist, dürfte jetzt der schwache Ausblick für die US-Unternehmensgewinne stärker in den Fokus der Anleger rücken. Vor diesem Hintergrund sollten professionelle Anleger US-Aktien vorerst untergewichten und auf Bewertungsniveaus warten, die die fundamentalen Risiken angemessen widerspiegeln. Europa- und Schwellenländeraktien sind zwar kurzfristig überkauft, bieten aber die besseren Perspektiven. In diesen Segmenten können professionelle Investoren die temporären Schwächephasen für Zukäufe nutzen.

Gastkommentar von Dr. Eduard Baitinger, Head of Asset Allocation in der FERI Gruppe