Geldflut und was dann

Anfang des Jahres gaben viele Anlagestrategen in den USA der Hoffnung Ausdruck, dass sich 2014 die Kapitalmärkte normalisieren. Die US-Notenbank (FED) hatte angekündigt, ihre milliardenschweren Käufe von Zinspapieren nach und nach zurückzufahren.

Die Geldschwemme würde ein Ende finden und die Normalisierung der Geldpolitik – so die Hoffnung – würde wieder ans Tageslicht bringen, was Aktien, Zinspapiere und andere Anlagen „wirklich” für einen Wert haben.
Aber die Stunde der Wahrheit ist noch nicht gekommen. Und zurzeit scheint auch niemand die Wahrheit hören zu wollen. Börsenkurse steigen weiter, aber Umsatz und die Schwankungen sind so niedrig wie schon seit der Finanzkrise nicht mehr gesehen. Die Bullen geben den Ton an. Die Bären, die auf fallende Kurse setzen, haben mehr oder minder kapituliert. Jedes Mal wenn die Börse reif schien für eine Korrektur, war es nur eine Delle. 
Im Grunde warten die meisten Anleger einfach ab. Ein paar kaufen zu, und das reicht bei einer extrem ruhigen Börse für steigende Kurse. Die anderen sind skeptisch, ob es noch weiter aufwärts geht, haben aber auch keine Angst vor einem Einbruch. Die geringe Schwankungsbreite des Marktes verdeckt, wie risikoreich der Markt tatsächlich ist.

Die aktuelle Situation hat etwas Gespenstisches. Und das beunruhigt offenbar selbst Notenbanken, denn auch die würden sich etwa mehr Nervosität wünschen.
 Das Problem ist im Grunde, dass die Fed ihren Job in den letzten Monaten zu gut gemacht hat. Sie hatte große Sorge, dass die Märkte negativ auf die Reduzierung ihrer Anleihekäufe reagieren. Deswegen hat sie immer wieder betont, dass die Zinsen noch lange niedrig bleiben und dass es vorerst bei einer expansiven Geldpolitik bleibt. Die Investoren haben jetzt großes Vertrauen und verlassen sich darauf, dass die Fed sie nicht im Stich lässt. Zu viel Vertrauen aber ist oft die Vorstufe zu einer Krise. Angst und Nervosität verhindern dagegen, dass die Anleger sich zu einseitig positionieren.

Die Trends an den weltweiten Kapitalmärkten werden immer noch in den USA gemacht. Aber zur Marktverzerrung und Notenbankhörigkeit trägt auch bei, dass die Europäische Zentralbank (EZB) sich inzwischen ebenfalls zu einer ultraleichten Geldpolitik entschieden hat. Sie macht im Grunde mit Verzögerung und mit etwas anderen Mitteln das nach, was die Amerikaner vorgemacht haben. Denn das amerikanische Rezept zur Rettung nach der Bankenkrise war simpel und schmutzig, aber es hat einigermaßen funktioniert: Überflute die Wirtschaft mit Geld, und schwemme mit dieser Liquidität die faulen Anlagen aus den Bankbilanzen. EZB-Chef Mario Draghi fährt seit längerem denselben Kurs und hat damit die Euro-Zone vor dem Zusammenbruch gerettet. Aber erst die aktuell sehr niedrige Inflation ermöglicht ihm, in die Vollen zu gehen. Wenn spanische, portugiesische und sogar griechische Anleihen wieder fast so teuer sind wie vor der Krise, dann zeigt sich: jetzt ist Europa der Ort, wo die Marktverzerrungen besonders groß sind.

Unser Einschätzung:
 Es wird wahrscheinlich noch lange dauern, bis sich die Kapitalmärkte tatsächlich normalisieren. Viele Anleger vertrauen offenbar darauf, dass die US-Notenbank den Ausstieg gut hinbekommt. Die größte Gefahr besteht darin, dass dieses Vertrauen plötzlich schwindet – etwa wenn die Inflation schneller steigt als erwartet. Wenn dagegen alles ruhig bleibt, kommt die Stunde der Wahrheit wahrscheinlich erst im Jahr 2015.

(Autor: Dr. Marc-Oliver Lux von Dr. Lux & Präuner GmbH & Co. KG)