Gefahr erkannt – und ignoriert

Das Leben ist an sich ein Risiko. Es lauern viele Gefahren – von schweren Krankheiten über eine mögliche Berufsunfähigkeit bis hin zur Pflegebedürftigkeit. Eine neue Studie gibt Aufschluss über den oft unbesorgten Umgang der Bundesbürger mit diesen Themen. Für Vermittler liest sich der Inhalt wie eine Handlungsanleitung.

Eigentlich steht alles zum Besten – die Bundesbürger erfreuen sich einer kontinuierlich steigenden durchschnittlichen Lebenserwartung. Laut der Sterbetafel 2009/2011 haben neugeborene Mädchen in Deutschland heute im Schnitt eine Lebenserwartung von 82,7 Jahren, neugeborene Jungen eine von 77,7 Jahren. Und der Trend kennt nur eine Richtung: immer weiter nach oben. Hauptgründe dafür sind der medizinisch-technische Fortschritt, die verbesserten Arbeits- und Lebensbedingungen sowie das gestiegene Gesundheitsbewusstsein der Menschen. Umso mehr steigt allerdings das Risiko, schwer zu erkranken oder pflegebedürftig zu werden.

In einer aktuellen Studie hat das Meinungsforschungsinstitut forsa jetzt im Auftrag der Gothaer und des F.A.Z.-Instituts untersucht, ob und in welcher Form sich die Menschen dieser biometrischen Risiken überhaupt bewusst sind. Die meisten Bürger dürfen dies demnach bejahen. Vor allem schwere Krankheiten und der Pflegefall bereiten ihnen Sorgen. Und jeder zweite Befragte unter 40 Jahren hat Angst, bei einem langen Lebensabend ein Dasein in Armut führen zu müssen. Frauen fürchten dabei tendenziell eher Schicksalsschläge als Männer, das Pflegefallrisiko ist mittlerweile allen Altersgruppen bewusst. Doch von der Theorie hinein in die Praxis ist offenkundig ein langer Weg. Die Bundesbürger decken diese biometrischen Risiken in der Realität nämlich nur unzureichend über Versicherungsprodukte ab.

Die niedrigen Abschlussquoten müssten eine Steilvorlage für Makler sein.

Ein Beispiel: Nahezu jeder zweite Angestellte (48 %) schätzt das Risiko, den aktuellen Job krankheitsbedingt an den Nagel hängen zu müssen, als relativ gering ein. Selbst bei den Berufstätigen im Alter zwischen 30 und 59 Jahren sichern sich folglich nur 45 % gegen dieses Risiko ab. Unwissenheit herrscht weit verbreitet auch über die tatsächlichen Ursachen einer BU. Die größte Bedrohung geht nach Ansicht der Befragten von Erkrankungen des Bewegungsapparats und von Krebserkrankungen aus, während der Eintritt von psychischen Krankheiten als wenig wahrscheinlich angesehen wird. Tatsächlich resultiert eine Berufsunfähigkeit laut Statistischem Bundesamt aber zu 42,1 % aus psychischen Erkrankungen, während lediglich 12,5 % auf Krebserkrankungen zurückgehen.

Mit 74 % die große Mehrheit der Bürger verlässt sich für den Fall einer Berufsunfähigkeit auf die gesetzliche Sozialversicherung. Bei den Erwerbstätigen setzen hingegen 58 % auf Leistungen aus privaten Versicherungen, wozu auch andere als BU-Versicherungen gehören. Hausfrauen hängen bei der Absicherung des eigenen Invaliditätsrisikos übrigens finanziell stark von ihrem Lebenspartner ab. Insgesamt rund zwei Drittel aller befragten Bürger verfügen bislang nicht über eine entsprechende Police. Daneben kritisieren die Befragten das Preis-Leistungs-Verhältnis von Berufsunfähigkeitsversicherungen. 31 % der Erwerbstätigen erachten die am Markt angebotenen Tarife als zu teuer. Weitere 20 % kritisieren die Leistungen der Versicherungen als zu gering. Hier hat der Markt allerdings inzwischen mit passenden Produkten reagiert. 16 % der Erwerbstätigen haben sich hingegen noch nie mit dem Thema Berufsunfähigkeit befasst.

Beim Thema Altersvorsorge haben die Bundesbürger erkannt, dass die Leistungen der gesetzlichen Rentenversicherung allein für die Finanzierung ihres Ruhestands nicht mehr ausreichen werden. Zwar hängen die heutigen Rentner noch überwiegend von der gesetzlichen Rente ab. Doch die Jüngeren unter 30 Jahren planen ihre Altersversorgungwesentlich breiter über kapitalgedeckte Produkte und andere Geldanlagen, um die Rentenlücke zu schließen. Diese Generation rechnet auch damit, im Ruhestand nebenberuflich tätig zu sein. Schließlich ahnen die Menschen, dass ihnen langfristig deutliche Teuerungen ins Haus stehen, vor allem höhere Lebenshaltungskosten. Eine Folge davon kann Altersarmut sein. Pläne und Wirklichkeit klaffen bei den Einnahmen im Ruhestand jedoch weit auseinander. Die Detailanalyse veranschaulicht, dass sich das Vorsorgebewusstsein der Bürger in den vergangenen Jahren durchaus gewandelt hat. So planen 55 % der Befragten (ohne Rentner) mit Einkünften aus der privaten Vorsorge, tatsächlich nutzen dieses Instrument allerdings nur 14 % der heutigen Rentner. Ähnliche Ergebnisse finden sich auch bei anderen Vorsorgeformen, wie etwa der Nutzung der eigenen Ersparnisse, der betrieblichen Altersvorsorge oder der Nutzung von Kapitallebensversicherungen.

Und dann noch das Risiko Pflegebedürftigkeit. Gut jeder dritte Bundesbürger ohne einen Versicherungsschutz für den Pflegefall ignoriert bislang das Risiko, selbst einmal in diese Notlage zu kommen. Das gilt vor allem für die Jüngeren unter 30 Jahren, die sich mehrheitlich noch nicht mit dem Thema beschäftigen. Knappheit einiger Kassen und Kritik am Preis-Leistungs- Verhältnis bei Versicherungsprodukten für den Pflegefall, halten viele Menschen vom Kauf ab. Zugleich verlassen sie sich beim Eintritt der Pflegebedürftigkeit auf die gesetzliche Sozial- oder Pflegeversicherung – trotz geringer Leistungen. Auch rechnen sie im Notfall mit der Unterstützung ihres Lebenspartners und ihrer Kinder. (hwt)


Zur Studie

Die Studie basiert auf einer Befragung der Marktforschungsgesellschaft forsa aus Berlin im Auftrag der beiden Herausgeber Gothaer und F.A.Z.-Institut. Im Januar 2014 wurden 1.003 Erwachsene ab 18 Jahren in Deutschland zu den grundlegenden Lebensrisiken Todesfall, Berufsunfähigkeit, Invalidität, schwere Krankheit, Pflegefall und Langlebigkeit sowie zu ihrer Vorsorge für diese Risiken befragt. Wegen der Zufallsauswahl bei der Ziehung der Stichprobe ist die Erhebung repräsentativ für die befragte Personengruppe. Die Telefoninterviews wurden auf der Basis eines abgestimmten Fragebogens nach der CATI-Methode computergestützt durchgeführt.

Biometriestudie – Onlineausgabe 02/2014