Gebremste Euphorie

Prognosen sind schwierig, vor allem wenn sie auf die Zukunft gerichtet sind. Diese Binsenweisheit sollte die Erwartungen zügeln. Unsere Möglichkeiten, die Zukunft vorherzusagen, sind überschaubar.

Trotzdem kommt aber niemand drumherum, sich Gedanken über das kommende Jahr zu machen. Wir wagen daher einen Blick über den Tellerrand und wollen sehen, was die Auguren zwischen Washington, London oder Manila, Paris und Frankfurt zusammengetragen haben.

Für das ganz große, globale Bild sind traditionell die Experten des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Washington zuständig, denn niemand verfügt über eine so umfassende Datenbasis wie die Volkswirte an ihrem Arbeitsplatz zwischen dem Weißen Haus, der US-Notenbank und dem Capitol: Sie nehmen alljährlich die Volkswirtschaft der 188 Mitgliedsstaaten unter die Lupe und liefern ihre so genannten Artikel IV-Berichte. Der IWF ist vor allem eine Art globale Bank für die Staaten, und wie jede Bank will auch der IWF genauer wissen, wie es um die finanzielle Gesundheit der Kunden bestellt ist. Daher wurde im Artikel IV des IWF-Statuts die Pflicht zum jährlichen Bericht festgeschrieben. Mit diesem Datenschatz als Grundlage liefern sie zweimal jährlich einen umfassenden Ausblick für die Weltwirtschaft. Es lohnt sich also, die Zahlen aus Washington genauer anzuschauen, zumal ein Blick in Zahlen aus anderen Quellen wie etwa der renommierten Asian Development Bank in Manila (ADB, Entwicklungsbank der ASEAN) oder der von London aus operierenden European Bank for Reconstruction and Development EBRD (auf Osteuropa fokussiert) keine grundlegend abweichenden Einsichten bringen.

Wirtschaftswachstum: Tendenz nach unten

Der IWF-Ausblick vom Oktober brachte im Vergleich zur Aprilausgabe nach unten revidierte Zahlen: Statt 3,5 % und 3,8 % für 2015/16 werden jetzt noch 3,1 % und 3,6 % global erwartet. Dahinter stehen vor allem zwei global fühlbare Ursachen: Das ist zunächst das schwächere Wachstum Chinas, wo das Wachstumsmodell umgebaut wird. Bisher sorgten hohe Investitionen für starke Wachstumsimpulse (zwischen 20 % und 30 % vom BIP), begleitet von schnell wachsenden Exporten. Diese Exporte haben bisher für eine Auslastung der mit den Investitionen schnell wachsenden Kapazitäten gesorgt. Dieses klassische Modell (so funktionierte schon das deutsche Wirtschaftswunder) ist nur zeitlich begrenzt einsetzbar, weil die Exportmöglichkeiten an Grenzen stoßen. Dann erweisen sich immer mehr Investitionen als Schaffung von beschäftigungslosen Überkapazitäten. Das scheint derzeit in China der Fall zu sein. Vor diesem Hintergrund ergibt sich zwangsläufig, dass die Wachstumsimpulse vom inländischen Konsum her stärkeres Gewicht erhalten und gleichzeitig das Wachstumstempo abfällt. Die niedrigere Schlagzahl Chinas strahlt vor allem auf die Emerging Markets aus, weil sich damit die Nachfrage nach Rohstoffen ebenfalls ruhiger entwickelt und damit die Preise unter Druck kommen.

Der zweite Bremsklotz ist die seit zwei Jahren aufrechterhaltende Erwartung einer Zinswende in den USA. Diese sorgt für ein allgemein steigendes Zinsniveau und damit für höhere Belastungen bei Investitionen. Verschärft wird diese Entwicklung durch die gleichzeitig steigenden Risikoprämien. Dieser Trend nimmt die Emerging Markets regelrecht in die Zange: Zum einen werden die Einnahmen aus dem Rohstoffgeschäft schwächer, während andererseits die Bewertungsmaßstäbe und Kreditkonditionen schärfer werden. Aber auch die Industrieländer müssen den Belastungen Tribut zollen: Der Ausblick für die USA wurde nochmals zurückgenommen auf 2,6 %. Ursprünglich wurde sogar mit 3,6 % gerechnet. Auch Japan kommt nicht so voran, wie von vielen erhofft, was nicht zuletzt an der wenig überzeugenden Wirtschaftspolitik der Regierung anzulasten ist. Regierungschef Shinzo Abe hatte Strukturreformen angekündigt, kann sie aber kaum durchsetzen. Der Wachstumspfad der Eurozone bleibt flach, allerdings auch stabil: Hier wurde nicht nachgesteuert. Insgesamt dürften von den drei großen Volkswirtschaften der Industrieländer sogar positive Impulse auf die Emerging Markets ausgehen. Davon dürften vor allem die Staaten Südostasiens profitieren. Von diesen Voraussetzungen her bleibt die Lage vor allem für die südostasiatischen Staaten relativ günstig. Aufgrund ihrer starken, exportorientierten Industrie profitieren sie eher vom Verfall der Rohstoffpreise und können auch die wachsenden finanziellen Belastungen besser abwettern, seltener Handelsdefizite finanzieren müssen. Das wiederum senkt ihre Anfälligkeit für die Belastungen durch das Zinsszenario. Der IWF sieht den Trend für die Region bei etwa 6,5 % Wachstum für die nächsten Jahre, wobei der bisherige Champion China (6,8 %, 6,3 %, jeweils 2015/16) nun klar auf den zweiten Platz hinter Indien (7,3 %, 7,5 %) zurückfällt, und bei diesem Wachstumstempo wohl die offizielle Vorgabe (je 7 %) verfehlen wird.

Extrem schwach sind die Aussichten für Südamerika, das im laufenden Jahr nun sogar einem BIP-Rückgang (-0,8 %) und einer schwachen Erholung im kommenden Jahr entgegengeht. Auf dem Halbkontinent kommen die Schwächen zusammen. Die Rohstoffabhängigkeit bremst das Wachstum, weil sich die Exporteinnahmen insgesamt deutlich abschwächen und angesichts relativ hoher Defizite und Schuldenstände für finanzielle Verwundbarkeit sorgen und daher umso skeptischere Einschätzungen durch die Investoren hervorrufen. Im Zentrum steht dabei Brasilien, wo die allgemeinen Schwächen durch hausgemachte politische Probleme noch verschärft werden. Hinzu kommen die notorischen Probleme Argentiniens, wo Dank des Siegs der Opposition in der Präsidentschaftswahl neue Chancen entstanden sind. Es wird allerdings einige Zeit dauern, bis der Politikwechsel greifbare Ergebnisse liefert. Etwas enttäuschend ist auch die schwache Performance Chiles, wo sich die Abhängigkeit vom Kupfer-Export immer noch deutlich bemerkbar macht. Lichtblicke liefert Lateinamerika nur weiter nördlich, Mexiko kommt trotz der Sicherheitsprobleme weiter voran. Zum einen sind mit den Reformen der letzten Jahre neue Wachstumspotenziale erschlossen worden, zum anderen profitiert das Land sogar doppelt von den USA: Der Aufschwung in den USA generiert auch Nachfrage südlich des Rio Grande, dabei hilft sogar die notorische Schwäche der US-Industrie mit: Unter dem Wettbewerbsdruck gibt es weiter Produktionsverlagerungen nach Süden, Beschäftigung und Wertschöpfung wandern nach Mexiko.

Die osteuropäischen Konvergenzstaaten bieten dazu eine vergleichsweise interessante Alternative. Vor allem die Staaten am Ostrand der EU profitieren stark von der expansiven EZB-Geldpolitik. Neben den direkten Flüssen aus der Eurozone nach Osten entsteht außergewöhnlich viel Spielraum für diese Länder, selbst eine expansive Geldpolitik zu betreiben und damit allzu große Risiken für die Stabilität ihrer Währungen einzugehen. Unterm Strich entsteht dort ein robuster Wachstumstrend um 3 %.

Düster sieht es dagegen im Russland Wladimir Putins und den Satellitenstaaten aus. Dort verschärft sich die Rezession: Die jetzt schon schrumpfende russische Wirtschaft zieht den Rest des Gebiets im Laufe des Jahres unter die Nulllinie, der Abwärtstrend breitet sich aus. Damit werden zwei der vier BRIC-Staaten zwei Jahre mit roten Zahlen abliefern. Ähnlich düster sind die Perspektiven für das mittlerweile politisch in den erweiterten BRIC-Kreis aufgenommene Südafrika, dem jetzt nicht einmal mehr 1,5 % Wachstum zugetraut wird – angesichts der Arbeitslosigkeit um 25 % viel zu wenig. Die afrikanischen Staaten, angeführt vom neuen Champion Nigeria, bieten dagegen sehr gute Chancen, aber leider noch wenig entwickelte Märkte, so dass der private Anleger hier auf Investmentfonds angewiesen bleibt.

Diese Projektionen der Entwicklung von Einkommen und
Beschäftigung liefern bereits wichtige Eckpunkte für
die Anlageentscheidungen.

Die USA dürften auch weiterhin stärkere Wachstumszahlen erzielen als die Eurozone, wobei aber der Unterschied am Ende weniger ausgeprägt ist, als in den Erwartungen abgebildet. Die stärksten Wachstumsraten wird aber weiterhin Asien liefern, wobei die „Führung“ von China zu Indien wechselt. Osteuropa ist ebenfalls interessant, soweit es nicht allzu eng mit Russland verbunden ist. Lateinamerika wird eher Enttäuschungen liefern, positive Signale erkennen wir nur in Mexiko. Entsprechend sollten die Portfoliogewichte aussehen: Neben den Basisinvestments in den USA und der Eurozone sollte es Schwerpunkte in Asien und Osteuropa (ex Russland) geben. In Lateinamerika und Südafrika ist Vorsicht geboten.

Aus diesen Trends bauen auch die Prognosen
für die Finanzmärkte auf.

Also die Projektionen für die Entwicklung von Devisenkursen und Zinssätzen (s. Tabelle), wo Dollar und Euro im Mittelpunkt stehen, schon allein weil der Devisenmarkt von diesem Währungspaar dominiert wird. Hinzu kommt als dritte wichtige Währung der Yen. Ein Blick auf die Tabelle zeigt es ziemlich klar: Der Dollar wird zulegen sowohl gegenüber dem Euro als auch dem Yen. Die Mittelwerte liegen für die Euro-Parität des Greenback bei 1,065 Dollar je Euro auf Sicht von 3 Monaten und längerfristig (12 Monate) bei 1,028. Auch der Yen soll demnach rutschen, von 123,8 Yen je Dollar auf 129,3. Die Antriebskräfte lassen sich in den Zinsdaten erkennen: Im Dollarraum sollen Zinsen und Renditen deutlich anziehen, während sie sowohl in der Eurozone als auch in Japan weiter sinken bzw. niedrig bleiben sollen. Dahinter stehen die niedrigen Inflationsraten, die nach herrschender Meinung die Währungshüter Japans und der Eurozone dazu zwingen, noch expansiver vorzugehen, also die Zinsen noch wenig tiefer ins Minus zu treiben und die Geldschöpfung durch die so genannte quantitative Lockerung (gemeint sind die Ankaufsprogramme für Anleihen) zu verstärken. Allerdings liegt auch die US-Inflation immer noch bei null, und das ebenfalls seit längerem. Letztlich ist nicht wirklich geklärt, warum die Inflationsraten trotz eifrigen Gelddruckens durch die Notenbanken so niedrig bleiben.

Entwicklung von Devisenkursen

Die Währungen der Emerging Markets lassen sich leider nicht so prägnant in regionalen Gruppen erfassen wie die Wachstumstrends, daher fehlen sie in der Tabelle. Die Aussagen dazu sind aber ebenfalls ziemlich einheitlich: Auch hier soll sich der Dollar als Champion erweisen, weil mit der erwarteten Wende der Zinspolitik auch die Kapitalströme begonnen haben, sich zu drehen: Unter dem Eindruck steigender US-Zinsen und wachsender Risiken der Anlagen in den Emerging Markets werden immer mehr Mittel aus den Emerging Markets abgezogen, was wiederum die Währungen auf breiter Front unter Druck bringt. Zudem versuchen viele Länder über eine schwächere Währung ihren Export anzukurbeln. Daher stehen die Währungen vom Real Brasiliens bis zum chinesischen Yuan unter Druck, was die lange Zeit interessanten Anlagen in lokaler Währung unattraktiv macht. Gleichzeitig wird damit auch die Differenzierung zwischen schwächeren und stärkeren Schuldnern schärfer: Defizite der Leistungsbilanz, Defizite im Haushalt und Inflationsraten werden wieder schärfer unter die Lupe genommen und gewichtet. Das sollte sich entsprechend in den Anlagen wiederfinden: Die etablierten Industrieländer sollten eher übergewichtet sein. Bei den Emerging Market-Anlagen ist unbedingt auf die Qualität des Standorts oder Marktes zu achten, Anleihen in Dollar, Euro, Franken oder anderen westlichen Währungen sind den lokalen Währungen vorzuziehen. (mk)

finanzwelt extra 06/2015 | Investmentfonds