Folgen Sie noch Ihrem Erfolg oder leben Sie ihn?

Dr. Jan Ostarhild

Die Ostarhild-Kolumne: Vom Delegieren und vom Verstehen, wie der menschliche Geist funktioniert

Alles selbst zu tun, kann in einer komplexen arbeitsteiligen Welt sicherlich nicht die nützlichste Einstellung sein, und dennoch scheinen einige Vermittler genau diese Einstellung zu besitzen. Dies ist insofern bedauerlich, als sie dadurch selbst die Grenze für weiteres Wachstum ihres Vermittlerbetriebes darstellen.

Nie zuvor existierten für Vermittlerbetriebe so viele Optionen, Vorgänge abzugeben, insbesondere in Form von Digitalisierung und Outsourcing. Nicht die Begrenztheit technologischer Möglichkeiten, sondern negative Gefühle wie der Verlust von Kontrolle oder Anerkennung spielen häufig ein entscheidendes Hemmnis beim Loslassen.

Die Frage, welche Vorgänge ein Vermittler sinnvollerweise abgeben und welche er trotz aller Möglichkeiten nicht aus der Hand geben sollte, ist nicht trivial zu beantworten. Wenn man diese Frage gründlich und nüchtern durchdenkt, wird man vermutlich zu der Erkenntnis gelangen, dass nur sehr wenige Vorgänge nicht delegiert werden können bzw. sollten. Und die meisten davon sind im privaten Bereich angesiedelt. Über einen davon wollen wir heute sprechen, nämlich die Beschäftigung mit sich selbst, man könnte auch sagen: mit der eigenen Art zu denken.

Wenn ich Sie fragen würde, wie unser menschlicher Geist aussieht, welches Bild entstünde dann vor Ihrem geistigen Auge? Vermutlich entsteht entweder kein Bild oder Sie denken an ein Gehirn. Unser Gehirn ist jedoch nicht unser menschlicher Geist; letzterer stellt vielmehr eine Aktivität dar. Und hier beginnt schon das Problem: Wie sollen wir die Funktionsweise unseres menschlichen Geistes verstehen, wenn wir kein oder ein falsches Bild davon haben?

Dr. Thurman Fleet hat im Jahr 1934 ein sehr einfach erscheinendes und zugleich sehr wirkungsvolles Modell unseres menschlichen Geistes entwickelt und grafisch dargestellt. Nach diesem Modell besteht unser Geist im Wesentlichen aus zwei großen Teilen, dem Bewusstsein und dem Unterbewusstsein. Und der Körper wird in diesem Modell relativ klein dargestellt als eine Art Instrument des Geistes, der exakt das ausführt, was ihm der Geist diktiert.

Das Bewusstsein wiederum lässt sich auch als den intellektuellen Teil des Geistes bezeichnen; es ist derjenige Teil, in dem wir unser Wissen anhäufen, wenn wir beispielsweise ein Buch gelesen haben. Unser Unterbewusstsein stellt den emotionalen Teil unseres Geistes dar – und es ist genau dieser emotionale Teil, der bestimmt, wie wir uns körperlich fühlen. Und ist es nicht so, dass wir gewohnheitsmäßig die Dinge tun, die sich gut für uns anfühlen? Dort im Unterbewusstsein ist der Sitz unseres Paradigmas, über das wir bereits gesprochen haben und das unsere Gewohnheiten und somit unsere Ergebnisse steuert.

Nehmen wir zum Beispiel an, wir treffen bewusst die Entscheidung, einen bestimmten (administrativen) Vorgang zum allerletzten Mal selbst zu erledigen und künftig abzugeben, weil wir uns dadurch zeitliche Freiräume verschaffen wollen, oder weil wir es ein für alle Mal leid sind, wie ein Sachbearbeiter bezahlt zu werden. Just in dem Moment, da wir an den Punkt der Umsetzung gelangt sind, hält uns unser unbewusstes Paradigma in Gestalt eines negativen Gefühls zurück, diesen Schritt auch wirklich zu vollziehen. Selbst wenn wir die ersten Schritte in die gewünschte Richtung des Delegierens gegangen sind, werden wir uns aller Voraussicht nach unwohl dabei fühlen: Möglicherweise ist tatsächlich etwas beim Delegieren schiefgelaufen, etwas wurde nicht genau so bzw. schlechter ausgeführt, wie es in unserem Sinne war. Zum Beispiel war die Zeitersparnis im Vergleich zu den zusätzlichen Kosten gering. Negative Gedanken verstärken sich, und schon fallen wir mit großer Wahrscheinlichkeit in das alte Verhaltensmuster zurück, indem wir diesen Vorgang wieder selbst erledigen. Unser Paradigma hat mal wieder den inneren Kampf gewonnen.

Wir können fast alles delegieren, aber eine Sache sollten wir niemals aus der Hand geben, ganz im Gegenteil: Fangen auch Sie an, täglich unseren menschlichen Geist zu studieren: Sie werden froh sein, dass Sie es getan haben.

Wie sieht Ihre Art zu denken aus? Welche Ihrer Gedanken limitieren Sie? Lassen Sie uns herausfinden, wie Sie damit anfangen können, auf eine neue und mächtige Art und Weise zu denken. Sind Sie dazu bereit?

Dr. Jan Ostarhild ist Professor im Studiengang BWL-Versicherung an der staatlichen DHBW Stuttgart und wissenschaftlicher Leiter von „Denken in Ergebnissen“. Er schreibt wöchentlich auf finanzwelt.de zu Themen der Persönlichkeitsentwicklung.