EZB: Zinssenkung zur Deflationsbekämpfung

Mario Draghi, EZB-Präsident, senkt erneut die Zinsen. Das Deflationsgespenst greift um sich. Die Entscheidung der EZB, die Zinsen erneut zu senken und schon ab Oktober diesen Jahres Asset Backed Securities (ABS) in relevanter Höhe zu kaufen, kam für den Markt zu diesem Zeitpunkt etwas überraschend. finanzwelt sprach mit Jan Meister, Geschäftsführer Meritum Capital Managers GmbH.

Nach den Ausführungen von Mario Draghi in Jackson Hole hatte der Kapitalmarkt bereits die Erwartung aufgebaut, dass die EZB ein ABS-Kaufprogramm in Aussicht stellen könnte. Die Überraschung ist allerdings, dass das Programm auch schon zeitnah in Kraft tritt und über ein relevantes Volumen verfügen soll. Auch mit dem weiteren Zinsschritt wurde nicht gerechnet. Kritiker merken an, dass die EZB-Entscheidung nicht einstimmig getroffen wurde. Dem sei aber entgegenzusetzen, dass es offensichtlich doch eine komfortable Mehrheit für die Maßnahmen gab und einige Mitglieder innerhalb des EZB-Entscheidungsgremiums auch umfangreichere Maßnahmen forderten. Ferner ist eine einstimmige Entscheidung getroffen worden, den Weg weiter fortzusetzen, wenn sich die Wachstums- und Inflationsaussichten nicht verbessern.

Der Grund für die EZB-Entscheidung ist eindeutig. Die Datenlage in Europa hatte sich im August zuletzt deutlich verschlechtert und die Inflationszahlen waren so schwach, dass Deflationsrisiken schwer zu leugnen sind. Die EZB will durch diese Maßnahmen ganz entschlossen zeigen, dass sie Deflation um jeden Preis verhindern will und wieder auf ein normaleres Inflationsniveau kommen will. Eine möglicherweise eintretende Deflationsspirale wie sie Japan erlebt hat, soll in jedem Fall abgewendet werden. Die EZB will diesbzgl. aus einer reagierenden Rolle in eine agierende Rolle kommen und die Inflationserwartungen in der Eurozone erhöhen. Das Zinsniveau in Europa dürfte dabei noch eine Weile auf dem aktuell niedrigen Niveau bleiben, bis Zeichen einer Besserung bei den Inflationszahlen zu erkennen sind.

Positiv sind diese klar wachstumsorientierten Maßnahmen zweifellos für europäische Aktien. Ihre Risikoprämien sehen durch das niedrige Zinsniveau noch attraktiver aus und der europäische Anleger wird gezwungen, mehr Aktienrisiken bei der Kapitalanlage einzugehen, wenn er sein Geld nicht weitestgehend zinslos halten will. Ferner sollten europäische Unternehmen auch von den mittelfristig verbesserten Wachstumsaussichten in Europa profitieren, denn die Signale der EZB in Richtung mehr Wachstum sind auch klar.

Zu guter Letzt hat man auch am Tag der EZB-Entscheidung bereits sehen können, dass das niedrigere Zinsniveau in der Eurozone im Vergleich zu den USA zu einer Abschwächung des Euros bzw. Stärkung des US-Dollars führt. Selbst italienische Anleihen mit einer 10-jährigen Laufzeit bringen seit gestern nur noch niedrigere Renditen als 10-jährige US-Staatsanleihen. Eine Risikoprämie für europäische Anleihen gibt es in diesem Sinne nicht mehr. Es gibt also einen möglichen neuen Carry-Trade am Markt, aus der Eurozone in die USA. Die EZB wäre über eine weitere Euro-Abschwächung sicher nicht undankbar, schließlich ist die Eurozone exportorientiert.

(Das Hintergrundgespräch führte Alexander Heftrich)