EZB bekennt Farbe und wirft den Schuldenschredder an

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André Kunze

Als Kapitalanleger habe ich mich in den letzten Jahren von der EZB ganz schön weichkochen lassen. Das Interessante daran: Ich habe es bis vor Kurzem überhaupt nicht so richtig bemerkt. Und das, obwohl es eigentlich unmöglich war, es nicht zu bemerken.

Schließlich habe auch ich mitbekommen, dass die EZB Staatsanleihen aufkauft und damit indirekt unsere überschuldeten Staaten finanziert. Zudem ist mir bewusst, dass institutionelle Anleger für ihre Einlagen bei Banken keine Zinsen erhalten, sondern negative Zinsen in Rechnung gestellt bekommen. Und dass die Anleihen unseres Staates überwiegend negative Renditen aufweisen und unser Staat am Schuldenmachen nun also Geld verdient, ist mir auch nicht entgangen. Fällt Ihnen hier etwas auf? Nein? Dann geht es Ihnen wie mir bis vor einigen Tagen. Ich hatte mich auch schon an all das gewöhnt. Hätte man mir vor 10 Jahren erzählt, dass wir heute in einem derartigen Umfeld leben, hätte ich diesen Irrsinn ganz sicher nicht für möglich gehalten. Heute ist er allerdings Realität und niemanden scheint es mehr zu stören. Die schleichenden Trippelschritte der EZB der letzten Jahre haben uns den Blick für das große Ganze schlicht und ergreifend vernebelt. Wenn Sie jeden Tag in kleinsten Schritten näher an den Abgrund heranrücken, beginnen Sie, sich mit Ihrem vorgezeichneten Schicksal zu arrangieren. Dieser Gewöhnungseffekt ist Fluch und Segen zugleich. Segen, weil die täglichen Dosen kleinen Irrsinns dazu führen, dass der geballte Irrsinn am Abgrund seine Dramatik verliert. Fluch, weil sich der zurückgelegte Weg in die falsche Richtung zunehmend richtiger und alternativloser anfühlt. Sind wir doch mal ganz ehrlich zu uns selbst: Wir haben uns schlicht und ergreifend einlullen lassen und uns der größten denkbaren volkswirtschaftlichen Unlogik gefügt. Und nun lassen wir uns von Politikern und Notenbanken verklickern, dass wir die irrwitzigen Schuldenberge mit Wachstum weg inflationieren. Schaut man sich die Entwicklung der Staatsverschuldung und des Bruttoinlandsprodukts Deutschlands der letzten 25 Jahre an, so wird eines deutlich: Ohne steigende Verschuldung kein Wachstum. Während sich das deutsche Bruttoinlandsprodukt von 1991 bis 2015 von 1,5 Bio. Euro auf 3 Bio. Euro verdoppelt hat, vervierfachte sich die Staatsverschuldung – von 0,5 Bio. Euro auf 2 Bio. Euro. Man könnte es auch anders formulieren: Die Steigerung des Bruttoinlandsprodukts um 1,5 Bio. Euro in den letzten 25 Jahren wurde zu 100 % mit Schulden finanziert. Na klar – und ab jetzt bauen wir Schulden mit Wachstum ab. Wenn es nicht so tragisch wäre, wäre es ein guter Lacher in einem gespielten Witz. Deutschland: Bruttoinlandsprodukt vs. Staatsverschuldung

GrafikQuelle: Dt. Bundesbank

Zu allem Überfluss handelt es sich bei der zuvor dargestellten Verschuldung nur um die sogenannte explizite, also die offizielle Staatsverschuldung. Addiert man die impliziten, verdeckten Staatsschulden aus der gesetzlichen Kranken-, Renten- und Pflegeversicherung hinzu, schrumpft selbst das im Ländervergleich imposante deutsche Bruttoinlandsprodukt zum Zwerg. Man muss weder Volkswirt noch Kapitalmarktexperte sein, um zu erkennen, dass Politik und Notenbank mit ihren kleinen Dosen gezielten Irrsinns grandios scheitern werden. Umso erstaunlicher ist es, dass die Mehrzahl der vermeintlich schlauen Köpfe dieses Landes genau an diesem Irrsinn anscheinend Gefallen gefunden hat und sorglos in die Zukunft blickt. Sei es drum. Aufgrund der tendenziell schrumpfenden Bevölkerung im Euroraum und der zwingenden Notwendigkeit Schulden zu reduzieren, müssen wir uns damit abfinden, dass der Traum vom nachhaltigen Wachstum ausgeträumt ist. Das wiederum bedeutet aber, dass Sie und ich die Zeche über kurz oder lang zu zahlen haben. Denn können die Schulden nicht mit Wachstum bezahlt werden, dann bleiben nur Sie und ich als Schuldentilgungshelfer. Entweder über einen Schuldenschnitt, der den Staatsanleihen und Rentenfonds in Ihrem Depot, Ihrer Lebens- und Rentenversicherung sowie Ihrer betrieblichen Altersversorgung, Ihrer Riesterrente und Ihrem Tages- oder Festgeld stattlich Speck aus der Hüfte schneidet. Oder über eine massive Erhöhung von Steuern und Abgaben auf Einkommen und Vermögen. Klingt das für Sie irrsinnig? Willkommen im Club! Der Irrsinn ist wie eingangs bereits erläutert schon seit einiger Zeit und weithin unbemerkt unser ständiger Begleiter. Aber das Beste kommt ja bekanntlich immer zum Schluss: Da wir uns in den letzten Jahren ja bereits bestens mit einem Höchstmaß an Irrsinn arrangiert haben und wir alle sicherlich sehr ungern eigenes Geld in die Hand nehmen, um diesen Scherbenhaufen zu beseitigen, habe ich noch ein irres Schmankerl zum Schluss. Warum bekennt die EZB nicht einfach Farbe, erhöht nochmals das Aufkaufprogramm für Staatsanleihen und schreddert anschließend einfach den ganzen Haufen im Schuldenschredder? Klingt irrsinnig? Ist es auch. Aber es wäre die ultimative Perfektionierung des Irrsinns. Und ich verspreche Ihnen, das würde funktionieren! Wie das? Die einfache und kurze Antwort lautet: Weil es allen Beteiligten Vorteile verschafft. Die Staaten hätten in einem Streich ihre Schulden reduziert. Und niemand von uns müsste auch nur einen Cent auf den Tisch legen. Die EZB schließt ihre alten Bücher, schreddert diese ebenfalls und fängt mit einem jungfräulichen Buch auf einer weißen Seite eins wieder an. Das kann sie, denn die EZB tanzt eher nur virtuell neben der Party. Was die EZB mit ihren Forderungen macht, kann Ihnen letztlich genauso egal sein, wie die ungelenken finanziellen Verrenkungen Ihres Nachbarn. Und noch einen weiteren Nutznießer gäbe es: Unsere Nachfolgegeneration müsste nicht zermürbend lang für die Schuldenexzesse unserer und der vorhergehenden Generation aufkommen. Seien wir doch mal ehrlich: Das haben die auch schlicht nicht verdient. Da haben wir sie also – die klassische WIN-WIN-WIN-WIN-Situation. Wo ist der Haken? Einen echten, unüberwindbaren Haken gibt es nicht. Der einzige Knackpunkt könnte in der immens ausgeweiteten, umlaufenden Geldmenge liegen, die ihrerseits zu hoher Inflation und damit zu Zweifeln an der Stabilität des Euro führen könnte. Aber, wenn schon der unzweifelhafte Irrsinn der letzten Jahre das Vertrauen in den Euro so gut wie nicht erschüttern konnte, warum sollte es der Schuldenschredder tun? Trotz der Schuldenexzesse im Euroraum verhält sich der Euro gegenüber den meisten globalen Währungen schließlich sehr stabil. Tatsache ist, dass uns die irrwitzigen Methoden der EZB der letzten Jahre sturmreif geschossen haben für den Schuldenschredder als ultimative Perfektionierung des Irrsinns. Letztlich stehen uns ja nur 3 Alternativen zur Auswahl:

  1. Wir werden von der Politik aktiv gebeten, den hohen Preis für den Schuldenexzess der letzten Jahrzehnte durch Vermögensabgaben und Steuern zu zahlen.
  2. Die Politik versäumt es, uns reinen Wein einzuschenken, wurschtelt weiter wie bisher und lässt uns sehenden Auges in die nächste, dann richtig teure 
Finanzkrise hineingaloppieren.
  3. Die EZB schreddert Schulden, wir zahlen nichts und riskieren im Endeffekt nur 
das, was die EZB ohnehin will: Inflation und einen schwachen Euro.

Alternative 3 klingt da doch irgendwie am magenschonendsten. Insbesondere,

  • wenn dies von EZB und Politik als einmaliger, nicht wiederholbarer Akt gesetzlich zementiert würde,
  • wenn ein zukünftiges Überschreiten einer gesetzlich festgelegten, tragbaren Schuldenhöchstgrenze mit drakonischen Strafen belegt würde und
  • wenn sich die EZB einer Geldpolitik der Finanzstabilität statt des krankhaften Wachstumswahns verpflichtet.

Dummerweise ist von den drei dargestellten Alternativen die zweite aufgrund der Weiterwurschtelmentalität von Politikern die wahrscheinlichste und mit Abstand schlechteste. Die ultimative Perfektionierung des Irrsinns und die Eilmeldung des Tages „EZB bekennt Farbe und wirft den Schuldenschredder an“ bleibt wohl also nur meinen kühnsten Träumen vorbehalten. Schade drum.

Autor: André Kunze, Geschäftsführender Gesellschafter
 P.A.M. Prometheus Asset Management GmbH