Euroraum erholt sich weiter, trotz schwacher Weltkonjunktur

Anton Brender und Florence Pisani

Nach einem recht turbulenten Jahresbeginn haben die Rezessionssorgen in den USA nachgelassen – und in China scheinen die Behörden die wirtschaftliche Lage in den Griff zu bekommen.

  • Stärkere Konjunktur im Euroraum trotz politischer Unsicherheiten
  • Prognose: Euroraum wächst 2016 und 2017 um jeweils 2 %
  • USA: Neue Phase des Wachstums, Löhne müssen Aufschwung tragen

Belastend für die Weltwirtschaft wirkt jedoch der Deflationsdruck aufgrund des noch immer massiven Schuldenabbaus in Asien und Europa. Eine Zeit lang sorgte die steigende Fremdkapitalaufnahme der Unternehmen in den Schwellenländern, insbesondere in China, für einen Ausgleich. Doch heute sind Kreditnehmer weltweit Mangelware. In den Schwellenländern ist die hohe private Verschuldung zu einem Problem geworden und in den Industrieländern ist der während der letzten großen Rezession begonnene Abbau privater Schulden noch immer nicht abgeschlossen. Anton Brender, Chefvolkswirt von Candriam, sagt: „Ohne weltweit koordinierte Finanzhilfen, wie sie der Internationale Währungsfonds weiter fordert, stehen die Zentralbanken mit ihren Maßnahmen gegen Deflationsdruck durch überschüssige Ersparnisbildung allein“. Euroraum: Stärkere Konjunktur trotz politischer Unsicherheiten Trotz eines leichten Rückgangs liegen die Konjunkturindikatoren für den Euroraum noch immer im Plus. Für Wachstum sorgt zurzeit vor allem die Binnennachfrage; nach dem Konsum ziehen jetzt auch die Investitionen an. Die Erholung am Arbeitsmarkt und moderate Lohnerhöhungen dürften aber auch den Konsum weiter steigen lassen. Die Maßnahmen der EZB tragen zur Lockerung der Kreditbedingungen bei, davon profitieren vor allem die Unternehmen. Die Euro-Abwertung und die zurückhaltende Lohnpolitik seit dem Ende der Krise haben die Unternehmen deutlich wettbewerbsfähiger werden lassen, insbesondere in Spanien und Portugal. Vor diesem Hintergrund rechnet Candriam für 2016 und 2017 mit knapp 2 % Wachstum. Die politischen Unsicherheitsfaktoren (wie das Brexit-Referendum und die Flüchtlingskrise) machen zuverlässige Prognosen aber noch schwieriger als sonst. „Der Euroraum steht an einem Wendepunkt. Wie auch immer das EU-Referendum ausgeht – der Euroraum muss seine Strukturen überdenken, um keine dauerhafte Stagnation zu riskieren und seine Investitionsschwäche zu überwinden“, sagt Florence Pisani, Head of Economic Research bei Candriam. Angesichts der wachsenden Euroskepsis und der bevorstehenden wichtigen Wahlen in Frankreich und Deutschland wird das nicht einfach sein. Unterdessen wird die auf sich allein gestellte EZB alles tun, um die Konjunktur zu stützen. USA: Eine neue Phase des Wachstums durch Lohnsteigerungen In den USA ließ das Wachstum im 1. Quartal nach, insbesondere aufgrund niedrigerer Unternehmensausgaben. Im Ölsektor litten Ausrüstungs- und Strukturinvestitionen unter dem Preisverfall. Aber auch in anderen Sektoren waren die Investitionen schwach und neues Wachstum wird daher an anderer Stelle entstehen müssen. Trotz der recht straffen Kreditbedingungen erholen sich die Wohnungsbauinvestitionen weiter – und angesichts der niedrigen Zinsen ist nicht damit zu rechnen, dass sich dies ändert. Beunruhigend ist der zu Jahresbeginn recht schwache Konsum, auch wenn er sich bislang auf wenige Bereiche wie Gesundheitsausgaben oder Heizkosten auswirkt. „Der Aufschwung in den USA scheint in eine neue Phase eingetreten zu sein. Der in den kommenden Monaten vermutlich schwächere Beschäftigungsanstieg und die steigende Inflation dürften dazu führen, dass jetzt steigende Löhne den Aufschwung tragen“, meint Brender. Doch so lange sich dies nicht bestätigt hat, besteht für die Fed bei der Normalisierung ihrer Geldpolitik weiterhin Grund zur Vorsicht.

Autoren: Florence Pisani, Head of Economic Research und Anton Brender, Chefvolkswirt von Candriam