Europe First

Karsten Junius, Chefökonom, Bank J. Safra Sarasin AG / Foto: © Bank J. Safra Sarasin

Es waren sieben sehr magere Jahre in Europa seit dem ersten griechischen Rettungspaket, dessen Jahrestag am Mittwoch nicht unbedingt gefeiert werden muss. Aber nicht nur wegen des Ausgangs der französischen Präsidentschaftswahl sind die politischen und ökonomischen Risiken in der Währungsunion deutlich zurückgegangen. Erstmals seit Jahren sind wir optimistischer für die Eurozone als für die USA.

Inzwischen ist es klar, dass die Entscheidung vom 10. Mai 2010, Griechenland vor der Zahlungsunfähigkeit zu bewahren, finanziell und sozial sehr hohe Kosten mit sich gebracht hat und nicht die endgültige Lösung für die griechischen oder europäischen Probleme gewesen ist. In dem sich anschließenden Anpassungsprozess stieg die Arbeitslosigkeit in Griechenland von 11,1 % auf 23,5 % während das Bruttoinlandsprodukt nominal um 26 % zurückging. Das Rettungspaket wurde allerdings nicht nur aus Sorge um Griechenland, sondern vielmehr auch aus Furcht vor Ansteckungseffekten auf das europäische Finanzsystem geschnürt – insbesondere auf französische und deutsche Banken, die einen Großteil der ausstehenden griechischen Anleihen hielten. Seitdem fielen die Kurse von Bankaktien trotzdem um durchschnittlich 14 %, während der Euro Stoxx 50 insgesamt 44 % zulegen konnte. Auch schwächte sich der Euro gegenüber dem US-Dollar um 14 % und gegen über dem Schweizer Franken um 23 % ab. Die Athener Börse verzeichnete Kursrückgänge um 54 %, obwohl die Renditen 10-jähriger griechischer Staatsanleihen nach zwischenzeitlichem Schuldenschnitt um 6,5 Prozentpunkte gefallen sind. Erfolgsgeschichten sehen anders aus.

Wir sind optimistisch, dass die kommenden Quartale in der Währungsunion einen deutlich besseren Trend aufweisen. Die großen politischen Risiken haben sich in diesem Jahr nicht materialisiert. Weitere EU oder Euro-Referenden müssen daher erst einmal nicht gefürchtet werden. Stattdessen konnte Macron in Frankreich sogar mit einem ausgesprochen klaren Bekenntnis zu Europa gewinnen. Klar ist aber auch, dass Reformen notwendig sind, die die europäische Bevölkerung von ihren gemeinsamen Institutionen nicht weiter entfremdet. Genau dafür ist das zukünftige Umfeld aber günstig. Die EZB hat deutlich gemacht, dass sie die Finanzierungsbedingungen noch nicht verschärfen möchte. Das Bruttoinlandsprodukt wuchs bereits im 1. Quartal über Potenzial und die vorlaufenden Konjunkturindikatoren eilen von einem Mehrjahreshoch zum nächsten. Daher rechnen wir auch für den weiteren Jahresverlauf mit überdurchschnittlichem Wachstum, das zu rückläufiger Arbeitslosigkeit und stärker steigenden Löhnen beitragen sollte. Höhere Lohnsummen wiederum würden die Basis für eine konsumgetriebene Expansion im nächsten Jahr legen. An den Finanzmärkten spiegelt sich das noch nicht ganz wieder, ganz im Unterschied zu den USA. Die Erwartungen bezüglich des zukünftigen Wachstums und steuerpolitischer Stimulierungen sind weiter hoch; zu hoch unserer Einschätzung nach. Die zwar guten, aber nicht mehr positiv überraschenden Konjunkturindikatoren signalisieren bereits ein eher durchschnittliches Wachstum. Und Griechenland? Die relativ lautlose Einigung zwischen der griechischen Regierung und ihren Gläubigern letzte Woche hat gezeigt, dass auch hier die politischen und finanziellen Risiken zurückgehen. Die im Juli fällige Kredittranche sollte nun keine mehr so große Hürde darstellen wie noch zu Jahresbeginn befürchtet. Die sieben mageren Jahre mögen nun hinter Euroland liegen. Es ist zu hoffen, dass die folgenden Jahre nun besser genutzt werden als die vor der Staatsschuldenkrise.

Kolumne von Karsten Junius, Chefökonom Bank J. Safra Sarasin AG