Europa ist das Kapitalmarktrisiko, nicht Trump!

Robert Halver, Leiter Kapitalmarktanalyse Baader Bank / Foto: © Baader Bank

Es gibt keine politische Schulpflicht, um US-Präsident zu werden. So musste auch Donald Trump keine höhere Bildung vorweisen, die ihn als Polit-Profi ausweist. Eigentlich hat er in dieser Disziplin noch nicht einmal Pudding-Abitur. Ist aufgrund seines unvoreingenommenen Halbwissens also ein pragmatischer Regierungsstil der Marke „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern im Wahlkampf“ zu erwarten?

Flexibilität und Überraschungsmomente werden wohl nicht zu kurz kommen. Und dennoch werden Donald und seine coole republikanische Gang ihre Duftmarken wie Rüden an den großen (geo-)politischen Bäumen hinterlassen.

Europas Versicherungsprämie für den amerikanischen Vollkaskoschutz wird deutlich teurer

Amerika wird sich unter Trump nicht ins geostrategische Mäuseloch zurückziehen. Das werden die republikanischen hard liner, die ohnehin den weltpolitischen Machtzuwachs Chinas kritisch sehen, zu verhindern wissen. Amerika bleibt schon aus egoistischen Motiven die Weltmacht Nr. 1. Denn seit dem Ende des II. Weltkriegs folgte auf den militärischen Siegeszug auch der geostrategische, kulturelle und wirtschaftliche Erfolg der Marke „Made in USA“. Kann man sich weltweit ein Leben ohne US-Militär, ohne amerikanische Filme, Serien, Musik, ohne Coca-Cola, McDonald’s, Nike, Pampers oder Mars-Riegel überhaupt noch vorstellen? Und auf diesen Einfluss soll die neue US-Regierung verzichten? Eher wird ein Mexikaner neuer Stabschef von Trump! Eher fahren Merkel und Trump gemeinsam in Urlaub!

Allerdings wird man die Rest-Welt für diesen american way of life deutlich mehr bezahlen lassen. Die US-Funktion als Freund und Beschützer der freien Welt unter dem Mantel der Nato wird Trump weniger emotional, dafür mehr rational, geschäftsmäßig – wie ein Baulöwe nun einmal ist – betrachten. Die Versicherungsprämien für den Trump-Schutz werden ab 2017 mindestens so massiv ansteigen wie die Prämien für privat Krankenversicherte. Deutschland wird deutlich mehr Geld für Verteidigung ausgeben müssen. Auch deswegen wird 2017 die deutsche schwarze Null zu Grabe getragen.

Ohnehin hat die Atlantik-Region für die USA viel geringere geostrategische Bedeutung als der pazifische Raum. Aber bereits unter Obama hat sich die einst heiße „Liebe“ zu Europa abgekühlt wie bei manchem alten Ehepaar. Das US-Geld für Europa sitzt längst nicht mehr so locker wie früher zu Zeiten des Kalten Kriegs, als Deutschland noch Frontstaat war. Insgesamt wird sich Amerika weniger politisch korrekt, dafür mehr politisch direkt zeigen.

Geopolitisch zeigt sich mit Trump immerhin ein Hoffnungsschimmer

In puncto Beziehung zu Russland ist Trump ideologiebefreit. Die harte Haltung unter Obama wird aufweichen. Ich persönlich kann keinen Nachteil darin entdecken, wenn die USA mit Väterchen Frost wieder ins Gespräch kommen. Wenn man geostrategische Konflikte – gerade im Nahen Osten und speziell Syrien – eingrenzen will, kommt man an Gesprächen mit dem nicht lupenreinen Demokraten Putin nicht vorbei. Sollten die zwei Alpha-Tiere erfolgreich an der Beziehungskrise ihrer beiden Länder arbeiten, hat nicht zuletzt auch Europa und Deutschland etwas davon. Die Flüchtlingskrise verlöre schon an Brisanz, weil man zu ihrer Lösung nicht mehr unterwürfig auf EU-fremde Länder angewiesen ist, die zur Verfolgung ihrer rechtsunstaatlichen Ziele auch vor Erpressungen nicht zurückschrecken. Und sollten schließlich auch Sanktionen gegen Russland und dann auch Gegensanktionen zurückgeführt werden, wird sich keine Industrie mehr darüber freuen als die deutsche.

Spätestens dann wird sich so mancher Politiker in Europa schnell einer geläuterten Rhetorik über Trump befleißigen. Titulierungen wie Schreihals, Horrorclown oder Hassprediger werden nicht mehr vorkommen. „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“ sprach der Wendehals.

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