Europa bleibt mehr Zeit für steigende Aktienkurse

Gottfried Urban, Vorstand der Bayerische Vermögen AG / Foto: © Bayerische Vermögen AG

Hält der Aufwärtstrend der Zinsen in den USA mittelfristig an? Der IWF prognostiziert, dass das Wachstum der Weltwirtschaft bereits ab 2020 nachlässt – aufgrund der erhöhten Zinsen in den USA und einer schwächeren Dynamik in China.

Der Zinserhöhungszyklus der USA wird nach meiner Ansicht deshalb voraussichtlich bereits im kommenden Jahr auslaufen. Um zu verhindern, dass sich die US-Konjunktur abschwächt, könnte die Notenbank wieder beginnen, über Zinssenkungen nachzudenken. Fallende Zinsen sind aber ein Zeichen für sich verschlechternde Wirtschaftsaussichten und damit sinkende Gewinne der Unternehmen.

Für die Aktienmärkte ist nicht die Erwartung (moderat) steigender Zinsen das Verkaufssignal, sondern der Wechsel von steigenden zu wieder fallenden Zinsen. Denn dieser Politikwechsel der Notenbanken spiegelt die Aussicht auf nachlassende Konjunktur bis hin zu Rezessionsgefahren wider. Insgesamt keine gute Prognose für die Börsen in den USA, denn dort sind die Bewertungen – anders als in Europa – mittlerweile hoch.

Die Börsenkurse könnten in den USA dennoch weiter zulegen. Mit zeitlichem Verzug von ein bis zwei Jahren könnte auch in Europa ein Mehrjahreshoch, deutlich über dem aktuellen Niveau, erreicht werden.

Die Notenbanken gefällt ein Gleichlauf der globalen Zinspolitik, im Moment ist die US-amerikanische der europäischen Zinspolitik vier Jahre voraus. Was, wenn 2020 in den USA die Zinsen bereits wieder fallen, während man in der Eurozone gerade erste Versuche wagt, den Leitzins über die Nulllinie zu ziehen?

Es lohnt darüber nachzudenken, wie realistisch dieses Szenario ist, und wie sich das auf die Märkte auswirken könnte. Leicht steigende Zinsen sind gut für die Aktien, fallende Zinsen ein schlechtes Signal für die Aktienmärkte. Europas Aktienmärkten bleibt also auf jeden Fall mehr Zeit für steigende Kurse, auch wenn die USA die interessanteren Technologiefirmen im Index hält.

Kolumne von Gottfried Urban,
Vorstand der Bayerische Vermögen AG, München