Erbschaftsvolumen wird in Zukunft sinken

Die Zeiten von Erbschaften sind vorbei. Die junge Generation muss auf die Eigenvorsorge setzen, da die ältere Generation ihr Vermögen selbst konsumiert oder für die eigenen Pflegekosten verbraucht.

2015-11-03 (fw/db) In den zurückliegenden Jahrzehnten haben Erbschaften in Deutschland deutlich zugelegt. In der Zukunft sei mit einem langsameren Anstieg zu rechnen.

Diese klare Prognose trifft die Studie „Erben in Deutschland 2015 – 2024: Volumen, Verteilung, Verwendung“ des Deutschen Institut für Altersvorsorge (DIA), die unlängst vorgestellt wurde (finanzwelt 27.10.2015). Die quantitativen Annahmen für die Zeit ab 2025 sind mit vielen Unsicherheiten behaftet, aber es gibt mehrere Gründe für die Voraussage, dass die Volumina der Erbschaften langfristig nicht mehr so stark zunehmen werden.

So steigt die Wohneigentumsquote der Erblasser fast nur noch im Osten von Deutschland, dort liegen die Verkehrswerte der Immobilien allerdings unter dem bundesdeutschen Durchschnitt. Vor allem in Schrumpfungsregionen werden die durchschnittlichen Immobilienpreise kaum noch zunehmen. Ab den 2020er Jahren werden zudem die Zahl der Haushalte und damit die bundesweite Wohnungsnachfrage sinken. Trotz wachsendem Leerstand werden weiter Wohnungen neu errichtet. Im Ergebnis wird der durchschnittliche Preis für Immobilien inflationsbereinigt sinken.

Der Anstieg der Geldvermögen dürfte langfristig parallel zum Wachstum der Einkommen verlaufen. Kurzfristig wird die Geldvermögensbildung allerdings durch die Niedrigzinsen ausgebremst. Darüber hinaus verlangsamen sich das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts und dadurch auch das Einkommenswachstum privater Haushalte seit langer Zeit. Dieser Trend setzt sich mit großer Wahrscheinlichkeit fort.

Seit dem vergangenen Jahrzehnt kommt dem Aufbau privater Altersvorsorge größere Bedeutung zu. Diese Vermögen sind jedoch meist nicht oder nur bedingt vererbbar. Es ist unklar, inwieweit die private Altersvorsorge den Aufbau „konventioneller“ Geldvermögen verdrängt oder echte zusätzliche Ersparnisse darstellt. Je größer die Verdrängung ausfällt, desto geringer ist das künftige Erbvolumen.

Die zunehmende Lebenserwartung der Erblasser wird das Wachstum der künftigen Erbschaften ebenfalls verlangsamen. Die zusätzlichen Lebensjahre führen bei den Erblassern zu zusätzlichen Ausgaben. Dieser Effekt fällt vor allem dann stark ins Gewicht, wenn künftige Erblasser im Alter konsumfreudiger sind als heutige.

Der Aufbau und der Konsum einer privaten Altersvorsorge könnten einen „Gewöhnungseffekt“ hervorrufen: gewöhnen sich Ältere erst einmal daran, Altersvorsorgevermögen aufzubrauchen, dann werden sie womöglich auch eher als heute „konventionelle“ Geldvermögen aufzehren.

Parallel dazu nimmt die Ungleichheit der Erbschaften aus mehreren Gründen künftig zu. So werden sich die Immobilienpreise je nach Qualität, Lage und Region weiter ausdifferenzieren. Im Ergebnis gewinnen hochwertige Wohnimmobilien in Wachstumsregionen an Wert, während schlechtere Wohnungsqualitäten in demografischen Schrumpfungsregionen an Wert verlieren werden.

„Es ist zu befürchten, dass künftig vor allem die Bezieher höherer Einkommen und damit vor allem Wohneigentümer, die ohnehin sparsamer sind als Mieter, besser privat fürs Alter vorgesorgt haben. Geringverdiener wären demnach im Alter öfter einkommensarm und müssten ihr Vermögen aufbrauchen. Im Ergebnis würde die Ungleichheit der potentiellen Hinterlassenschaften weiter ansteigen“, beschreibt Studienautor Dr. Reiner Braun eine zu erwartende Entwicklung.

Vermögen wird für Pflegekosten benötigt

Eine ähnliche Auswirkung hat der steigende Pflegebedarf auf das künftige Erbschaftsvolumen. Immer weniger Pflegebedürftige werden Kinder haben, die die Pflege übernehmen. Gleichzeitig wird die Leistung der Pflegeversicherung nicht mit der Kostenentwicklung im Pflegesektor Schritt halten, wodurch die Eigenleistungen der Pflegebedürftigen steigen. So bleibt weniger Vermögen zum Vererben übrig, die Ungleichheit der Hinterlassenschaften zwischen Pflegebedürftigen und Nicht-Pflegebedürftigen wird steigen.

Studie als Download im Internet

Die Studie „Erben in Deutschland 2015 – 24: Volumen, Verteilung und Verwendung“ steht hier im Internet kostenfrei zum Download zur Verfügung.

Dietmar Braun