Türkei: Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste

Der türkische Präsident Erdogan blickt ökonomisch schwierigen Zeiten entgegen

Die Schwellenländer stehen derzeit unter Druck. Der Anstieg der US-Renditen (10 Jahre Laufzeit) an die 3%-Marke heran löste ein kleines Beben aus, weil große institutionelle Anleger beginnen, ihre Portfolios anzupassen. Die stärkere Ausrichtung vor allem auf den US-Markt wurde zunächst erkennbar an den Devisenkursen: Südafrikanischer Rand (ZAR), Russischer Rubel (RUB) und Brasilianischer Real (BRL) gaben seit dem letzten Wochenende um etwa 2,5% nach. Angesichts des allgemeinen Niveaus der Renditen ist das viel.

Auffällig dabei: Die (auch von uns) stärker eingeschätzten China und Indien kamen weit glimpflicher davon, Yuan (CNY) und Rupie (INR) büßten lediglich etwa 0,5% ein (jeweils zum Dollar). In Brasilien und Russland kommen dagegen noch rückläufige Aktienkurse hinzu mit -1,8% beim brasilianischen Bovespa-Index und -2,3% für den russischen Index RTX.

Diese Entwicklung kommt nicht völlig überraschend, der Trend der wirtschaftlichen Rahmendaten mit steigenden Zinsen und einer Verknappung der Liquidität entspricht den Ankündigungen großen Notenbanken und den einschlägigen Prognosen. Die Währungshüter fahren ihre quantitative Lockerung zurück.

Zudem kommt mit der sich immer deutlicher abzeichnenden Krise der Türkei ein Auslöser für einen grundlegenden Stimmungsumschwung hinzu. Ein Vorbote ist die erneute Abstufung des Ratings durch Standard & Poor´s auf BB- (zuvor BB) tiefer in den „junk“ hinein. Die Märkte spiegeln den Verfall: Die Lira verlor seit Anfang Februar etwa 5,6% zum Euro, der führende Aktien-Index ISE 100 gab gleichzeitig um fast 16% nach. Dahinter stehen die bekannten, von den Verantwortlichen in Ankara und Istanbul aber geleugneten Probleme: Die Binnennachfrage ist heiß gelaufen, es gibt eine dauerhaft positive Outputlücke. Dass heißt: Die effektive Nachfrage übersteigt das Angebotspotenzial. Dieser Nachfrageüberhang führt zu steigenden Defiziten gegenüber dem Ausland und einer anziehenden Inflation. Schlimmer noch: Jenseits einer kosmetischen Zinserhöhung eines marginalen Notenbanksatzes (für die sehr kurzfristige Refinanzierung über Nacht) gibt es nicht den geringsten Hinweis, dass sich die Verantwortlichen in Regierung und Notenbank um eine fühlbare Stabilisierung bemühen. Der starke Mann, Präsident Erdogan kritisierte jüngst sogar noch, dass die Zinsen „nicht niedriger“ seien. Unterdessen hat sich die Inflation bei über 10% festgesetzt während der zentrale Leitzins (einwöchige Repos) unverrückt bei 8% steht.

Die jüngste Zahlungsbilanz (per Februar) liefert ein alarmierendes Bild: Das Defizit der Leistungsbilanz (neue Verschuldung im Ausland) stieg um rund 38% zum Vorjahr. Angesichts der Erholung des Tourismus dürften die nächste Monate etwas besser ausfallen. Allerdings hat sich nur die Kopfzahl der Reisenden erholt, das volle Umsatzniveau früherer Jahre wird nicht mehr erreicht, weil sich eine Verschiebung weg von den westeuropäischen Urlaubern hin zu Osteuropäern (namentlich Russen) ergeben hat, die pro Person deutlich weniger Umsätze tätigen.

Im Kapitalverkehr zeichnet sich ein Rückzug der privaten Investoren ab: Der Saldo der Direktinvestitionen ist tief ins Defizit gegangen vor allem weil türkische Adressen ihre Anlagen im Ausland stark gesteigert haben (annähernd vervierfacht zum Vorjahr) während der Zufluss aus dem Ausland dünn wird. Zudem ist auch der Saldo der auch Portfolioanlagen negativ, unterm Strich fließen auch die kurzfristigen Mittel ab. Der zur Finanzierung des Defizits nötige Kapitalimport wird im Wesentlichen durch die Banken und den Staat geleistet. Damit steigt das Währungsrisiko der türkischen Banken denn sie müssen Mittel im Ausland in fremder Währung beschaffen (der internationale Bankenmarkt bietet nunmal kaum Lira-Beträge an) um die Kredite an inländische Nicht-Banken zu refinanzieren.

Eine Fortsetzung dieser Trends kann nur in einem Crash der Türkei enden – was wohl auch Erdogans Eile mit dem Wahltermin erklärt. Diese Krise wird die Märkte für Emerging Markets insgesamt belasten. Diese Positionen sollten zumindest nicht weiter aufgestockt werden, speziell Türkei-lastige Fonds eher abgestoßen werden. (mk)