Elektronische Avatare: Football für Versicherer

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Verfolgt Oliver Bäte eigentlich American Football? Für den CEO der Allianz könnten die neuesten Entwicklungen in der NFL von gewaltigem Interesse sein. Denn dort wird eine Technologie vorbereitetet, die möglicherweise die gesamte Versicherungsbranche revolutionieren wird. Was ist, wenn ich dir heute schon sagen kann, wann du dich verletzen wirst?

Digitale Doppelgänger überfluten die Welt. Es begann mit exakten digitalen Kopien von Flugzeugmotoren, Windturbinen und weiteren schweren Maschinen. Aktuell folgt alles andere, von elektrischen Zahnbürsten über Ampeln bis hin zu ganzen Fabriken. Das bedeutet: über Sensoren werden unzählige Vorgänge in diesen Dingen digital abgebildet. Algorithmen und künstliche Intelligenz (KI) setzen Entwicklungsmuster fort und liefern dadurch wertvolle Vorhersagen.

Der Schritt von Maschinenwartung zum Menschen

Inzwischen ist die Technologie so ausgereift, dass nun erstmals sogar das US Militär darauf vertraut. KI berechnet jetzt, wann es Zeit wird für den nächsten gründlichen Check-Up eines konkreten Black Hawk Helikopters mit seiner individuellen Einsatz-Historie. Am spannendsten Schritt arbeitet derweil die amerikanische National Football League (NFL): Sie plant die Erschaffung elektronischer Avatare für jeden einzelnen Spieler.

Mit fortschreitenden medizinischen Möglichkeiten kann diese Praxis beliebig weiterentwickelt werden. Sensoren, Chip-Implantate oder Nano-Roboter liefern immer mehr Daten, die immer genauere Prognosen ermöglichen. Schon in naher Zukunft werden Football-Trainer wohl dank akkurater Simulationen die Gefahr von Sportverletzungen frühzeitig erkennen und dementsprechend Trainingsabläufe umstellen.

Ein unangenehmer Moment weniger

Kaum auszudenken, was das für die Versicherungsbranche bedeutet. Wenn die Technologie massentauglich wird, müssen sich die Versicherer fragen: Sollten wir dies unseren Kunden anbieten? Oder sie gar dazu verpflichten? Wie wird sich der Gesetzgeber dazu positionieren? Was sagen Datenschützer? Wenn der Versicherungsnehmer irgendwann seinen digitalen Zwilling bekommen sollte, werden Gesundheitsfragen jedenfalls überflüssig.

Endlich könnte sich der Vermittler peinliche Fragen wie z.B. nach dem Gewicht einer neuen BU-Kundin sparen. Sensoren könnten in Echtzeit biometrische Risiken updaten und Tarife könnten automatisch angepasst werden. Nicht nur für Unfall- und Berufsunfähigkeitsversicherungen. Auch im Bereich der Altersvorsorge wären neue Erkenntnisse über Lebenserwartungen offensichtlich hoch spannend.

Je datenlastiger die Welt, desto…

All dies führt uns zur Frage nach dem Solidaritätsprinzip einer Versicherung: Wie viel Risiko wird dann noch vergemeinschaftet? Es wird nicht nur an den Versicherern sein, diese Frage zu beantworten. Auch unsere Gesellschaft als Ganzes und die Politik müssten sich damit befassen. Eventuell bedarf es neuer Regelungen wie zu den Unisex-Tarifen bei der Krankenversicherung.

Nicht zuletzt sollten die Versicherungskonzerne gewarnt sein: je datenlastiger und technologisierter die Welt, desto größer die Bedrohung durch einen Brancheneinstieg von Amazon & Co. Dass die amerikanischen Digitalriesen mit Unmengen an Kundendaten und IT-Knowhow den Versicherungsmarkt genau beobachten, ist mittlerweile bekannt. Der eine oder andere erinnert sich vielleicht auch noch daran, was aus Nokia wurde, als Apple 2007 mit dem ersten Smartphone in den Mobiltelefon-Sektor einstieg. (sh)