Eine gesellschaftspolitische Aufgabe

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Dr. Stefan M. Knoll

Die Pflegeversicherung ist ein schwieriges Thema, und schwierige Themen wirken sich regelmäßig auch auf den Vertrieb aus. Ein schwieriges Thema deshalb, weil wir Deutsche uns selbst im Weg stehen.

Unseren Bürgern ist zwar mehrheitlich bewusst, dass das Pflegefallrisiko aufgrund der steigenden Lebenserwartung zunimmt und die staatlichen Leistungen nur die Hälfte dessen umfassen, was tatsächlich aufgewendet werden muss. Dennoch nimmt die Bereitschaft, hier vorzusorgen, nicht zu. Zwei typisch deutsche Phänomene sind dabei zu beobachten: Zum einen warten wir immer auf den Staat. Er soll ein Problem, das uns alle betrifft, zentral für alle lösen. Und wenn dann der Staat Ansätze einer Lösung formuliert, dann werden wir nicht müde, diese Ansätze zu kritisieren, weil wir in unserer Staatsgläubigkeit die Vollversorgung erwarten und uns mit einer Teilversorgung nicht zufrieden geben können. Jene, die zwischen 1955 und 1965 geboren wurden, gelten als die geburtenstarken Jahrgänge, die Generation der sogenannten „baby-boomer”. Diese scheiden in zehn Jahren aus dem Arbeitsleben aus und wechseln dann in die Rolle von Transferleistungsempfängern. Zehn weitere Jahre später wird dieser Personenkreis in zunehmendem Maße Pflegefälle zu verzeichnen haben. Wir erwarten, dass mindestens jede zweite Frau gegen Ende ihres Lebens ein Pflegefall wird. Ein eigentlich normaler Vorgang, wenn nicht die nachfolgende Generation zu klein wäre, um diesen demografiebedingten Wandel wirtschaftlich zu schultern.

Wir werden in zehn Jahren keine finanziellen Spielräume mehr besitzen, um der Pflegeproblematik durch eine staatliche Regelung begegnen zu können. Steuererleichterungen verbieten sich bei einer Staatsquote von 50 % von selbst, und eine Pkw-Maut mit maroden Brücken zu begründen, ist vor dem Hintergrund der Tatsache, dass nur ein Drittel der Einnahmen aus dem Straßenverkehr, wie Kfz- und Mineralölsteuern oder Lkw-Maut, in den Straßenverkehr fließt, geradezu lächerlich. Den Rest brauchen wir schon heute, um unsere Sozialsysteme zu finanzieren. Ohne Eigenvorsorge werden wir daher in eine große gesellschaftspolitische Katastrophe hineinlaufen. Was noch beschleunigt wird, wenn die jetzige Bundesregierung die letzten finanziellen Reserven ausgibt und damit einen Raubbau am Vermögen unserer Kinder betreibt.

Die staatlich geförderte Pflegeversicherung, im Volksmund auch „Pflege-Bahr” genannt, war der Versuch, Eigenvorsorge und staatliche Unterstützung miteinander zu kombinieren. Ist unsere Neigung, Fragen der Daseinsvorsorge selbst in die Hand zu nehmen, ohnehin schon gering, so wurde durch die staatliche Förderung mit fünf Euro pro Monat und pro Vertrag der Versuch unternommen, wenigstens ein kleinwenig Bewegung in Richtung einer Vorsorgekultur zu schaffen. Kaum war der Pflege-Bahr auf dem Markt, wurden die Berufskritiker, insbesondere der schreibenden Zunft, nicht müde, die einzige vernünftige Idee der FDP – was zugegebenermaßen zu wenig ist, um im Bundestag zu verbleiben – schlecht zu reden. Und folgt man den Veröffentlichungen, gelingt es nicht einmal den Vertretern der Bundesregierung in einer jüngst durchgeführten Anhörung zu Pflege-Bahr, überzeugend und positiv für Pflege-Bahr zu argumentieren.

Hier ist wieder das deutsche Dilemma: Warten auf den Staat, und wenn dieser die Vollkasko-Lösung nicht anbietet, die Teilkasko-Lösung heftig kritisieren. Auch die Deutsche Familienversicherung verzeichnet im Absatz von Pflegeversicherungen einen Rückgang, während andere Versicherungsarten, die unter volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten vielleicht eine viel geringere Notwendigkeit besitzen, sich mit steigenden Absatzzahlen verkaufen lassen. Ich wäre inkonsequent, wenn ich zur Lösung des Problems jetzt meinerseits nach dem Staat rufen würde. Dabei wäre es natürlich hilfreich, wenn unsere Politiker die finanzpolitische Problematik, in der wir uns heute schon befinden und erst recht perspektivisch befinden werden, deutlicher oder vielleicht auch nur überhaupt einmal formulieren würden. Weil wir darauf aber nicht warten können, müssen wir, die Versicherungsgesellschaften und ihre Vermittler, jeden Versuch unternehmen, um eine Vorsorgekultur zu schaffen.

Versicherungsvermittler haben damit im Bereich der Pflegeversicherung nicht mehr nur die höchstpersönliche Aufgabe, etwas aus Gründen der Provision zu verkaufen. Sie müssen eine gesellschaftspolitische Aufgabe übernehmen, nämlich die Bevölkerung darüber aufklären, dass ohne eine Pflegezusatzversicherung, gleich welcher Art, eine Familie vor dem Ruin stehen kann, denn Kinder haften nun einmal für ihre Eltern. Für diese Aufklärung, die mit dem Abschluss einer Pflegeversicherung endet, erhält der Vermittler eine Provision. In keiner Versicherungssparte ist die Quote der Nichtversicherten so hoch wie in der Pflegezusatzversicherung. Wir, die Versicherer und alle Vermittler, müssen eine konzertierte Aktion zum Verkauf von Pflegezusatzversicherungen starten, um die 97 % an nichtversicherten Personen aus der existentiellen Bedrohung herauszuführen. Dann steigen die Absatzzahlen Schritt für Schritt, und die Pflegezusatzversicherung wird zur Selbstverständlichkeit.

Dr. Stefan M. Knoll, Vorstand DFV Deutsche Familienversicherung AG

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Pflegeversicherung: Ein Plädoyer – Onlineausgabe 04/2014