„Ein großer Freund der Fundamentalanalyse“

Andreas Grünewald - Foto: VuV e.V.

Was dürfen wir von 2021 erwarten? Sind Aktien nach wie vor die bevorzugte Assetklasse, um Renditen zu erwirtschaften? Andreas Grünewald, Vorstand der FIVV AG und Vorstandsvorsitzender des VuV e.V., gibt Einblicke.

finanzwelt: Bleiben Aktien als attraktive Assetklasse in 2021 „erste Wahl“?
Andreas Grünewald: Aufgrund der praktisch nicht mehr vorhandenen Guthabenzinsen müssen Anleger*innen händeringend nach Anlagealternativen umsehen. Staatsanleihen sind in Anbetracht der historisch niedrigen Verzinsung bei gleichzeitig oftmals sehr hoher Staatsverschuldung mit größter Vorsicht zu betrachten. Geschlossene Beteiligungsmodelle mit langfristigen Haltedauern meiden wir in unserer schnelllebigen Welt komplett und Immobilien sind vielerorts bezogen auf das Verhältnis Kaufpreis zu Nettojahresmieteinnahmen schon extrem teuer geworden. Entsprechend sind in der Tat breit gestreute Investitionen in dividendenstarke Weltmarktführer, deren Geschäftsmodelle zukunftweisend sind und deren Unternehmenswert nicht bereits überbewertet ist, von uns favorisiert. Unterm Strich bleibe ich somit auch weiterhin bei meiner Überzeugung, dass die langfristige Aktienanlage bei der Vermögensstrukturierung signifikant vertreten sein sollte, aktuell darf es aber ruhig – anders als in den fast 10 Jahren zuvor – mit „angezogener Handbremse“ statt „übergewichtet“ sein.

finanzwelt: Glauben Sie, dass wir 2021 wieder steigende Volatilitäten sehen werden?Grünewald: Nicht im Vergleich zu den extremen Ausschlägen im Frühjahr 2020, aber grundsätzlich wird das Niveau der Schwankungen höher sein als in den Vorjahren. Zahlreiche Anlässe für deutlichere Kursschwankungen zeichnen sich am Horizont ab: Denken Sie nur an die Themen Corona, aufkommende Steuererhöhungspläne durch die massiv überstrapazierten Staatsfinanzen, Handelskonflikt zwischen USA und China, Staatsschuldenkrise – selbst die USA steuert auf ein Verschuldungsniveau von 130% des BIP zu (die Maastricht-Kriterien haben einmal 60% als seriöse Obergrenze angesehen) oder doch früher als derzeit erwartet aufkommende Inflations- und Zinsängste aufgrund der Geldflutung durch die Notenbanken.

finanzwelt: Wird das Thema Inflation eine zunehmend stärkere Rolle spielen / wie kann man sich entsprechend wappnen?
Grünewald: Wie soeben bereits erwähnt, können uns die Inflationsängste früher einholen, als es allgemein und auch von uns derzeit erwartet wird. Persönlich halte ich dies jedoch aktuell für wenig wahrscheinlich. Weder sehe ich einen Angebotsengpass noch gute Argumente für eine sich in Gang setzende Lohn-Preis-Spirale. Zudem würde ein in Anbetracht der Geldmengenausweitung möglicher deutlicher Zinsanstieg wohl auch zukünftig mit allen Mitteln seitens Notenbanken und Politi0k versucht zu verhindert. Ansonsten droht aufgrund des massiven Verschuldungsgrads zahlreicher wesentlicher Volkswirtschaften die nächste Staatsschuldenkrise.

finanzwelt: Wird Value ein „Comeback“ feiern oder bleiben Wachstumstitel auf der Überholspur?
Grünewald: Ich bin ein großer Freund der Fundamentalanalyse. Und mit Blick auf die Bewertungen wird es mir bei einigen Wachstumstiteln mittlerweile durchaus schwindelig. Insoweit präferieren wir, wie bereits eingangs erläutert, dividendenstarke Weltmarktführer. Diese gehören in der Regel zu den Value-Titeln.

finanzwelt: Welche Aussichten messen Sie Gold und anderen Edelmetallen im neuen Jahr zu?
Grünewald: In Anbetracht geopolitischer Unsicherheiten und insbesondere auch der bereits erwähnten massiven Verschuldung vieler Volkswirtschaften sehen wir, analog zu den vergangenen Jahren, Edelmetalle und hier insbesondere Gold als „Brandschutzversicherung“. Unabhängig hiervon erwarten wir zumindest auf längere Sicht eine Fortsetzung der anziehenden Goldnotierungen. (ah)