DIVA-Experten-Gespräch: neue Anreize für private Vorsorge nötig

Prof. Dr. Michael Heuser, Wissenschaftlicher Direktor des DIVA / Foto: © DIVA

Anfang September lud das Deutsche Institut für Vermögensbildung und Alterssicherung (DIVA) Michael Littig, Präsidiumsmitglied der MIT Mittelstands- und Wirtschaftsunion sowie langjähriger Co-Vorsitzender der Kommission Arbeit und Soziales, zum Talk ein. Thema war dabei die DIVA-Forschung zur Alterssicherung und die Zukunft der Altersversorgung in Deutschland.

Prof. Dr. Michael Heuser, wissenschaftlicher Direktor des DIVA, und Michael Littig erörterten gemeinsam die aktuellen Entwicklungen beim Thema Rente und Altersversorgung. Heuser bewertete dabei die Perspektiven des aktuellen Rentensystems anhand von aktuellen DIVA-Forschungsergebnissen kritisch. Faktoren wie die Festsetzungen des Renteneintrittsalters, Beitragssatzes und des Sicherungsniveaus der gesetzlichen Rentenversicherung könnten bereits mittelfristig nicht mehr gehalten werden. Den Experten zufolge müssen Menschen in Deutschland verstärkt selbst vorsorgen, der Staat die nötigen Anreize dafür schaffen.

„Wenn alle Stellschrauben unverändert bleiben, werden bald Bundeszuschüsse zur gesetzlichen Rentenversicherung von mehr als der Hälfte des Bundeshaushalts fällig“, so Heuser. „Den meisten Menschen ist die Problematik bewusst. Unser Altersvorsorge-Stimmungsbarometer, der DIVAX-AV, zeigt einen zunehmenden Pessimismus bei der Altersvorsorge an, insbesondere mit Blick auf die gesetzliche Rentenversicherung.“

Düstere Aussichten

Michael Littig beleuchtete auf dieser Gesprächsgrundlage verschiedene Aspekte zum Thema. Zur Ampelkoalition erklärt der Experte: „Das Rentenversprechen der Regierung ist schlicht nicht zu halten. Wir rasen auf ein enormes Spannungsfeld zu. Ende des Jahrzehnts werden wir mit Beiträgen um die 28 % rechnen müssen, und auch das Rentenniveau bei 48 % kann nicht gehalten werden.“

Und auch zu einem möglichen Staatsfonds bzw. einer aktiengedeckten Rente hat er eine klare Meinung: „In einem sehr langfristigen Szenario müssen sicher alle Optionen einer Kapitaldeckung mithilfe von Fonds geprüft werden. Kurzfristig hat beispielsweise ein Staatsfonds absolut keinen Effekt und kann keinen Beitrag zur Lösung der drängendsten Fragen, wie etwa der Babyboomer-Problematik, leisten. Aktien sind auf lange Sicht die ertragreichere Anlageklasse. Aber der Aufbau eines Kapitalstocks, dem Beträge für Rentenzahlungen entnommen werden können, braucht massive Zuflüsse und viel Zeit. Die derzeit diskutierte Aktienrente wird aus Bundesmitteln gespeist. Das heißt, entweder geht es zulasten anderer staatlicher Leistungen, durch Steuererhöhungen oder durch Schuldenaufnahme. Und letzteres wäre in der aktuellen Haushaltssituation Zocken auf Pump. Vergleiche mit anderen Staatsfonds, beispielsweise in Norwegen, greifen meines Erachtens ins Leere. Denn dieser wird aus Rohstoffüberschüssen gespeist und kannibalisiert keine laufenden Projekte.“

Harte Realität

„Eine Grundsicherung, wie es derzeit auch der Fall ist, muss natürlich bestehen bleiben. Wir werden es uns aber nicht leisten können, die Hälfte des Bundeshaushalts dafür aufzuwenden, um im Gegenzug Eintrittsalter, Beitragssatz und Sicherungsniveau zu halten. Die gesetzliche Rente allein wird für den Erhalt der Lebensqualität im Alter nicht reichen, diese kann nur mit ergänzenden Bausteinen über die zweite und dritte Säule gesichert werden“, meint Littig zu einer möglichen Lösung für die Alterssicherung in der Zukunft. „Der Staat muss hier nachhelfen und Anreize zur Eigenvorsorge setzen – er muss mehr tun, als nur das Existenzminimum zu sichern. Gleichzeitig müssen sich die Bürger am Erhalt der Grundsicherung beteiligen. Insbesondere für jüngere Menschen klingt das extrem hart. Sie müssen bei unveränderten Rahmenbedingungen im Endeffekt länger und mehr arbeiten, höhere Beiträge zahlen und bekommen weniger ausgezahlt. Leider ist das die harte, mathematische Realität. Hier sind alle gefordert, einen anderen Rahmen zu entwickeln.“

Mögliche Lösungsansätze

„Wenn wir zwischen 2035 und 2050 einen Effekt realisieren wollen, kann das nur über Hebelwirkungen in der zweiten und dritten Säule funktionieren. Solche Wirkungen können nach dem Förderprinzip erzielt werden – Belohnungen für die Bereitschaft zur Eigenvorsorge. Die Riester-Rente hat beispielsweise einen solchen Hebel, nur ist in der Realität der Verwaltungsaufwand zu hoch. In der Folge wurde Riester schlechter geredet als sie ist“, erklärt Littig im Gespräch. „Dabei ist das Konstruktionsprinzip mit den sozialen Komponenten äußerst wirkungsvoll. Wenn es gelingt, ein ähnliches Produkt in einer einfacheren Ausgestaltung und weniger Bürokratie zu realisieren, sollte das hauptsächlich junge Menschen motivieren können. Denn diese werden um die private Vorsorge nicht umhinkommen, während der Staat damit beschäftigt sein wird, die erste Säule am Laufen zu halten.“

Zudem bemühe man sich laut Littig innerhalb der CDU im Rahmen der Arbeitsgruppe Alterssicherung der Programm- und Grundsatzkommission um eine ehrliche Bestandsaufnahme. Akzeptanz der Situation sei dabei der erste Schritt. Nur wenn alle Karten auf dem Tisch liegen, kann man auf diesem Fundament aufbauen. Auch die DIVA-Forschungsergebnisse zeigen immer wieder auf, dass die Lebensgrundlage von vielen Menschen im Alter ohne staatliche Unterstützung bei der privaten Vorsorge gefährdet ist.

Eine Aufzeichnung des vollständigen Experten-Talks finden Sie hier. (lb)