Digitalisierung und der Kampf um den Anschluss

Myrko Rudolph, Geschäftsführer der exapture GmbH / Foto: © exapture GmbH

Myrko Rudolph, Geschäftsführer der exapture GmbH, über den aktuellen Stand
der Digitalisierung im deutschen Mittelstand und warum sich der Eindruck vom
Innovationsbooster Pandemie als Fehleinschätzung herausstellt.

„Schon in den ersten Monaten, nachdem sich das Corona-Virus seinen Weg nach Europa
gebahnt hat, las der aufmerksame Beobachter die immer gleichen Schlagzeilen. Überall war
die Rede vom ‚pandemiebedingten Digitalisierungsschub‘. Frei nach dem Motto, auch in
schweren Zeiten immer das Positive zu sehen, bemühte ein jeder dieses Bild des lange
vernachlässigten Feldes; das Bild von einer gesamten Wirtschaftsmacht Deutschland, die von
maximal widrigen Umständen erst zu ihrem Glück gezwungen werden musste – im Grunde
zunächst keine falsche Einschätzung. In jeder nicht strikt auf Präsenz ausgelegten Branche
machten sich Entscheider ernsthafte Gedanken um alternative Arbeitsmethoden. Manch einer
mag ergänzen, dass sie dies nicht ganz freiwillig taten, und damit wahrscheinlich auch gar
nicht so falsch liegen. Sei es drum, das Ergebnis zählt – und dies erstrahlt als vollständig
digitalisierte Arbeitswelt, richtig? Leider zeichnen Zahlen und Daten einer zuletzt
durchgeführten Bitkom-Studie ein etwas anderes Bild der Realität.

Wunsch als Vater des Gedanken

Deutschland hatte sich vor der Pandemie durch jahrelange Untätigkeit einen eklatanten
digitalen Rückstand in allen Lebensbereichen eingehandelt und dafür nicht nur inländisch Kritik
einstecken müssen, sondern auch im Ausland ob der schlechten Platzierungen im Vergleich
für Verwunderung gesorgt. Dass sich eine Industrienation von derartigem Reichtum und
internationalen Stellenwert sowohl verwalterisch als auch wirtschaftlich weiterhin derart analog aufstellt, blieb schwer begreiflich. Dieser Stachel scheint tief und schmerzhaft zu sitzen, sodass sich allesamt beim ersten Anzeichen der Besserung sofort auf das Thema stürzten und deutliche Verbesserungen erkannt haben wollten. Dass eine pandemische
Ausnahmesituation Unternehmen mit Büroarbeit, Verwaltungen und Bildungsstätten in New-
Work-Gefilde treibt und zu einem radikalen Umdenken bewegt, zeugt allerdings noch nicht von einer erfolgreichen Digitalisierung. Was tatsächlich geschah? Ein Prozess, der sich eigentlich über Jahre hinweg natürlich entwickeln sollte, brach nun als Zwang über eine unvorbereitete Gesellschaft herein. Allein die Verwendung digitaler Anwendungen im Arbeitsalltag digitalisiert noch nicht das Unternehmen.

Nachhaltigkeit fehlt

In der Bitkom-Studie zeigt sich die Diskrepanz zwischen gefühlter und tatsächlicher Wahrheit
am deutlichsten in Zahlen. Als postitver Aspekt lässt sich festhalten, dass 64 % der
befragten Unternehmen angeben, digitale Technologien helfen ihnen durch die Pandemie.¹ Bestätigt dies noch die verbreitete These, erzählen die Umfrageergebnisse zur fehlenden
Digitalkompetenz eine andere Geschichte: Beinahe die Hälfte der Studienteilnehmer gibt an,
dass den Mitarbeitern das nötige Know-how fehle, um die Modernisierung weiter
voranzutreiben, und exakt 50 %  sehen sich als Nachzügler auf diesem Gebiet.² Viele
von ihnen mussten wahrscheinlich rasch reagieren und neue Prozesse integrieren. Die
passende Technik für dieses Unterfangen lässt sich schnell und einfach erwerben, darauf
geschultes Personal jedoch nicht. Wenn die Pandemie eines erhöht hat, dann den Druck zur
Digitalisierung und nicht ihren Grad selbst. Auch jetzt bewegen wir uns immer noch im Bereich
des Anstoßes und ja – wer unbedingt einen positiven Aspekt finden möchte, kann dies der
Pandemie auf die Fahne schreiben. Doch nun heißt es dranbleiben, um die guten Ansätze
auch zu vergolden und eine nachhaltige Digitalisierung voranzutreiben.“

Weitere Informationen finden Sie unter www.exapture.de

1 https://www.bitkom.org/sites/default/files/2021-05/bitkom-prasentation-digital-office-05-05-2021_final.pdf
2 ebd.

Kolumne von Myrko Rudolph,
Geschäftsführer
exapture GmbH