Digitale Versicherungsordner auf dem Vormarsch

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Die Anzahl der Versicherungsvermittler ist seit 2011 rückläufig. Laut einer aktuellen McKinsey-Studie unter dem Titel „Automating the insurance industry“ steht in den nächsten Jahren jeder 4. Job in der Versicherungsbranche auf der Kippe.

Dafür wächst der Markt für Makler-Apps wie Knip rasant. Knip gilt als FinTech, genauer gesagt, als sog. InsurTech. InsurTech-Unternehmen wollen die Versicherungsbranche durch neue technische Systeme und alternative Geschäftsmodelle weiterentwickeln. Die Einstiegshürden bezüglich der Nutzung einer Makler-App sind für Benutzer sehr gering. Die App ist schnell auf dem Smartphone installiert, der Benutzer muss nur wenige Daten eingeben und am Schluss des Registrierungsprozesses lediglich auf dem Bildschirm seines Smartphones unterschreiben. Schon kann er die App nutzen. Vielen Nutzern ist aber nicht bewusst, was ihre Unterschrift bedeutet: Bei den meisten Apps willigen sie mit ihrer Unterschrift ein, ihren bisherigen Makler oder Versicherungsvertreter zu verlassen. Sie begeben sich mit all ihren Versicherungsverträgen zu demjenigen Unternehmen, das die App anbietet. Während der Registrierung erteilt der Nutzer über die App ein sog. Maklermandat bzw. eine Maklervollmacht und erlaubt somit z. B. Knip, ihn uneingeschränkt gegenüber Versicherungen zu vertreten. Dies befähigt das Unternehmen zur Abgabe und Entgegennahme aller Willenserklärungen, die seine Versicherungsverträge betreffen. Es darf Verträge sogar kündigen, neue Versicherungsverträge für den Benutzer abschließen und Untervollmachten an andere Versicherungsmakler erteilen. Nur wenigen Nutzern dürfte klar sein, wozu sie das Unternehmen befähigen.

Bequemes Handling lockt

Aber warum sind Apps wie Knip dann so erfolgreich? Sie bieten einen riesigen Vorteil: Die Unterlagen zu allen Versicherungsverträgen sind digital an einem Ort hinterlegt. So kann der Nutzer jederzeit nachsehen, welche Versicherungen er hat, wie viel er wann für welche Versicherung bezahlen muss und welche Leistungen er bekommt. Zudem kann der Nutzer neue Versicherungen abschließen oder bestehende kündigen. Bei einigen Apps kann er auch direkt Schäden an die Versicherung melden. Versicherungsunternehmen haben jahrelang den Wunsch nach einem elektronischen Versicherungsordner ignoriert. Viele Versicherungen verfügen bis heute noch nicht einmal über Kundenportale, in denen der Kunde auf einen Blick sehen kann, was er zu welchem Preis versichert hat. Dazu kommt, dass viele Kunden Versicherungen bei diversen Unternehmen haben und so gezwungen sind, sich in verschiedenste Portale einzuarbeiten. Versicherer haben aber noch ein ganz anderes Problem. Je mehr Verträge die Kunden an Makler-Apps übertragen, desto höher ist der bürokratische Aufwand. Die Apps fordern initial alle bestehenden Policen bei den Versicherern an, um diese zu digitalisieren und dem Benutzer bereitzustellen. Zudem muss das Versicherungsunternehmen den neuen Betreuer in seinem Datenbestand einpflegen, damit die Provisionszahlungen zum Beispiel an die Knip AG fließen können. Aus Versicherungskreisen ist bekannt, dass Versicherer sich bereits weigern, Policen zu versenden und versuchen, mit dem Versicherungsnehmer direkt in Kontakt zu treten.

Nicht alle fordern Vollmandat

Die bekannteste App ist Knip, seit 2013 auf dem Markt. Damit ein Kunde Knip nutzen kann, muss er sich registrieren. Hierbei übergibt der Kunde ein Vollmandat an Knip, mit dem die Knip AG befähigt ist, alle Versicherungsangelegenheiten des Kunden zu erledigen. Die App zeigt dem Kunden seine Versicherungspolicen übersichtlich an. Per Chat oder Telefon kann der Kunde Verträge ändern oder beenden lassen, sowie neue Verträge abschließen. Seit 2013 ist zudem GetSafe und seit 2015 Clark verfügbar, die ebenfalls ein Vollmandat vom Kunden einfordern und einen ähnlichen Funktionsumfang wie Knip besitzen. Makler_AppsFinanceFox, seit 2014 auf dem Markt, erfordert ebenfalls ein Vollmandat, hat aber einen größeren Funktionsumfang. So lassen sich zusätzlich Belege über die App einreichen und die App bietet dem Nutzer die Möglichkeit, Verträge umfassend zu vergleichen. Bei asuro, seit Oktober 2015 verfügbar, erteilt der Kunde initial zunächst nur ein Auskunftsmandat, das er bei Bedarf durch ein Vollmandat ersetzen kann. Für den Kunden hat das den Vorteil, dass er seinen bisherigen Makler zunächst nicht verliert und er die App testen kann. Die App zeigt eigene Versicherungspolicen an, Verträge von Partnern lassen sich aber direkt mitverwalten. Zudem bietet asuro als Dienstleistung auch einen Bedarfscheck, mit dem der Kunde seine Verträge optimieren und Lücken identifizieren kann. Schäden kann der Kunde mit der App direkt an asuro melden. simplr kommt sogar ohne Mandat aus. Dafür muss der Kunde seine Versicherungsverträge selbst in die App einpflegen, was arbeits- und zeitintensiv ist. Alternativ kann er simplr auch ein Mandat übergeben. Zudem kann der Kunde Versicherungspolicen abfotografieren und per App an den betreuenden Makler schicken. MyDiverso, seit Dezember 2015 verfügbar, ist eine White-Label-Lösung für Finanzdienstleister, sprich, Makler können sie anpassen und an ihre Kunden verteilen, um diese nicht an Knip & Co. zu verlieren. In MyDiverso können die Versicherungspolicen sowie weitere Dokumente (z. B. Beitragsrechnungen) angezeigt werden. Weiterhin kann der Kunde über die App leicht mit seinem Makler über Mitteilungen in Kontakt treten.

Vermittler aufgepasst!

Welche Möglichkeiten haben Versicherer und Makler auf diese Apps zu reagieren? Zunächst müssen sich Makler und Versicherer fragen, wie bedrohlich Apps für ihr Geschäft sind. Bei Maklern kann die Antwort nur „sehr bedrohlich“ lauten. Das Erteilen eines Vollmandats via App durch den Kunden kann zum Verlust einer kompletten Kundenbeziehung führen. Deshalb besteht für Makler Handlungsbedarf. Für Versicherer sieht es etwas anders aus. Zunächst mag es Versicherern, von außen betrachtet egal sein, wer ihre Produkte verkauft und dafür Provisionen erhält. Der hohe bürokratische Aufwand sowie der Verlust, nicht selbst aktiv entscheiden zu können, wie die Produkte vertrieben werden, können Versicherern aber nicht gänzlich egal sein.

Oliver Hehlert und Stefan Gärtner adesso AG

Fazit Makler und Versicherer sollten schnellstens eigene Apps anbieten, die einen digitalen Versicherungsordner ermöglichen. Als Basisfunktionalität sollten diese Apps Verträge von beliebigen Versicherern importieren können und dem Nutzer ermöglichen, neue Verträge abzuschließen, zu erweitern oder zu kündigen. Zudem sollten Kunden Belege oder Schadensmeldungen bequem per App einreichen können, ohne komplizierte Formulare ausfüllen zu müssen. Trotz aller technischen Funktionalität sollte die App auch den persönlichen Kontakt zwischen Kunden und Makler stärken, der vielen Kunden bei Versicherungsgeschäften wichtig ist. Gelingt es Versicherern und Maklern nicht, entsprechende Apps anzubieten, werden sie unweigerlich einen Teil ihrer Kunden verlieren.   (Makler-Apps / finanzwelt 03/2016)