Die Vermessung des Menschen

Digitale Vermessung des Menschen
Leonardo Da Vinci zeigte als Erster die Vermessung des Menschen in Zahlen © fotomek - Fotolia.com

Die Vermessung des Menschen beschrieb schon der Künstler Leonardo da Vinci. Heute versucht es in Zeiten von Big Data die Gesundheitswirtschaft. Allerdings setzt noch der Datenschutz enge Grenzen.

Die SDK Krankenversicherung meldet zum achten wissenschaftlichen Symposium der SDK-Stiftung in Bad Cannstatt zum Thema “Vermessung der Gesundheit – Fluch und Segen der Digitalisierung” ein interessantes Fazit. Die Digitalisierung von Prozessen, wirke sich auch in der Gesundheitswirtschaft aus, allerdings stecke der Fortschritt in dieser Branche im Vergleich zu anderen Wirtschaftsfeldern noch in den Kinderschuhen.

Der Vorsitzende der SDK-Stiftung, und frühere Vorstand der SDK, Klaus Henkel, beleuchtete den digitalen Wandel im vergangenen Jahrzehnt von 2007 bis 2017. Im Jahr 2007 kam das erste iPhone auf den Markt. In der Folge haben sich der Alltag und die Kommunikation durch Apps verändert.

“2007 war auch das Geburtsjahr der SDK-Stiftung und daher ist es eine besondere Freude, mit dem Thema Digitalisierung in das Jubiläumsjahr zu starten”, so Henkel.

Der heutige Vorstandsvorsitzende der Süddeutschen Krankenversicherung, Dr. Ralf Kantak, meinte dass es in der Versicherungswirtschaft noch großes Verbesserungspotenzial im Hinblick auf die Digitalisierung gebe, so bei der Dunkelverarbeitungsquote oder der Online-Kommunikation.

“Wir gewinnen als privater Krankenversicherer am Markt nicht, wenn wir nur Rechnungen prüfen und bezahlen. Unser Anspruch ist es, den Kunden als Gesundheitsspezialist sein Leben lang zu begleiten”, sagte Kantak.

Prof. Dr. Bernd Brüggenjürgen, Lehrstuhlinhaber des SDK-Stiftungslehrstuhls und Leiter des SDK-Instituts für Gesundheitsökonomie an der Steinbeis-Hochschule in Berlin, sprach von “langsam mahlenden Mühlen im Gesundheitswesen”, obwohl es für digitale Ansätze aufgrund vorhandener großer Datenmengen gute Voraussetzungen gebe.

75 Prozent aller Patienten in Deutschland könnten digitale Services nutzen, wenn diese eine angemessene Qualität hätten. Zugleich warnte Brüggenjürgen vor den Risiken durch Angebote ohne Kontrolle, wie die Gefahr aufgrund fehlerhafter Diagnosen durch Apps.

Dr. Thilo Kaltenbach, Berater von Firmen der Gesundheitswirtschaft im In- und Ausland bei der Unternehmensberatung Roland Berger und approbierter Apotheker, vertritt die These, dass “wir durch die Digitalisierung in spätestens fünf Jahren in einer anderen Welt leben”.

Gerade im Bereich von elektronischen Hilfsleistungen sehe Kaltenbach durch Smartphones und Apps ein enormes Wachstumspotential. Die meisten Akteure müssten noch ihre spezielle Kernkompetenz mit ihren digitalen Ambitionen verbinden. Bei allen notwendigen Bestrebungen in der Nutzung von digitalen Prozessen müsse jedoch stets der Nutzen für Versicherte und Patienten im Vordergrund stehen.

Prof. Dr. Volker Amelung von der Medizinischen Hochschule Hannover sprach den mangelnden Handlungsdruck im Gesundheitssystem an. Seit nunmehr 13 Jahren werde in Deutschland über die elektronische Gesundheitsakte diskutiert, aber noch immer sei nichts passiert.

Es sei irrational, moderne Technologien nicht ausreichend zu nutzen. Für den Experten haben in dem bestehenden System viele Akteure kein Interesse, “andere an die Futtertröge zu lassen”. Als guten Ansatz betrachtet Amelung deshalb die gezielte Innovationsförderung mithilfe des Innovationsfonds und den damit verbundenen Technologieschub in Richtung Digitalisierung.

Technologische Entwicklungen wie Sensorik, Mobile, Big Data oder Cloud Technologie hätten in den letzten Jahren den Trend befördert, dass teure und zentral vorgehaltene medizinische Geräte miniaturisiert direkt vom Patienten erworben und genutzt werden können (z.B. EKG oder Blutdruckmessgerät). Diese Geräte würden dem Patienten mehr Eigenverantwortung und größere Entscheidungsfreiheit verleihen, seine Gesundheit zu bewältigen, erläuterte Dr. Klaus Nitschke.

Der Molekularbiologe Nitschke vertritt die These, dass weitere technologische Entwicklungen im Gesundheitssystem durch die zur Verfügung stehenden großen Datenmengen getrieben werden. Ziel sei es dabei, die Qualität und die Ergebnisse der Gesundheitsversorgung durch digitale Produkte/Services zu verbessern sowie die Kosten im Gesundheitssystem zu senken.

Drei Gesundheitsbereiche stünden aktuell im Fokus: digitale Produkte zur Verbesserung der Vorsorge, Telemedizin für eine schnellere und zielgenauere Diagnose sowie digitale Ökosysteme zur besseren Therapie von chronischen Krankheiten.

Über ein Leuchtturm-Projekt berichtete Dr. Alexander Pimperl, Leiter Business Intelligence & Finance der OptiMedis AG. Das regionale, sektorenübergreifende Gesundheitsnetzwerk “Gesundes Kinzig Tal”, das sich modernster Technologie bedient, habe die Verbesserung des Gesundheitsstatus der regionalen Bevölkerung bei bestmöglichem Einsatz der Ressourcen zum Ziel. Eines der wesentlichen Grundprinzipien dort sei die elektronische Vernetzung aller Daten, die in die Patientenakte eingehen und auf alle beteiligten ambulanten Behandler zugreifen könnten. Die Verarbeitung und Nutzung strukturierter Daten trage u. a. dazu bei, die Versorgung zu optimieren und damit den Gesundheitsstatus der Bevölkerung zu verbessern. So konnte die regionale Managementgesellschaft bereits im achten Jahr in Folge einen positiven Deckungsbeitrag für die beteiligten Krankenkassen erzielen – im Jahr 2014 knapp 5,5 Millionen Euro brutto.

Inzwischen gebe es ein weiteres umfassendes Projekt in den Hamburger Stadtteilen Billstedt und Horn. Hier gehe es um die Etablierung innovativer Versorgungsformen in sozial benachteiligten Regionen, erklärte Pimperl. Der Gesundheitswissenschaftler betonte, dass viele Maßnahmen aufgrund des Datenschutzes derzeit nicht umsetzbar seien.

Das achte SDK-Symposium wurde wieder von vielen Studierenden aus der Gesundheitswirtschaft besucht, das lässt hoffen, daß der Nachwuchs sich über die aktuelle Diskussion neben dem Studium fortlaufend informiert. (db)