Die überschätzte Anlageform

Spätestens seit die Renditen von kurz- und mittelfristigen deutschen Bundesanleihen in negativem Zinsterrain ihre neue Heimat gefunden haben, gelten Aktien – da ist sich die Branche einig – als alternativlos. Doch – ist diese anscheinend allgemeingültige Einschätzung wirklich richtig?

Meine mitunter zugegebenermaßen recht eigenwillige Natur lässt mich aus Prinzip immer an Dingen zweifeln, die als gesetzt gelten oder die einer Hinterfragung nicht bedürfen. Da kommen mir Aktien mit ihrer Alternativlosigkeit also gerade recht.

Als gelernter Bankbetriebswirt mit einem Vierteljahrhundert als Anlagerberater auf der Stechuhr tut man sich im Zweifel aber selbst keinen Gefallen, der Anlageform aller Anlageformen auf die Pelle zu rücken. Ganz zu schweigen von den Berufskollegen, Geschäftsfreunden und Kunden, die einen vermutlich nun mit leicht schräger Kopfhaltung, gekräuselter Stirn und fragenden Augen voller Unverständnis anblicken. „Sei‘s drum“, hab ich mir gesagt – „Du hast ja noch Deine Familie!“ Also ran an die Alternativlosigkeit von Aktien.

Wenn Aktien heute als alternativlos gelten, könnte man naheliegender Weise ja zunächst einmal prüfen, ob diese alternativlose Gesetzmäßigkeit bereits früher gegolten hat. Jetzt machen Sie mich dafür bitte nicht verantwortlich, aber die Alternativlosigkeit der Aktie muss – wie nachfolgender Chart belegt – einer neueren kapitalmarktheoretischen Erkenntnis zu verdanken sein.

Grafik Kolumne Kunz 20 01 2016

Über einen Zeitraum von fast 50 Jahren konnte der deutsche Rentenindex REXP TR das Ergebnis des deutschen Aktienindex DAX übertreffen. So erzielte der deutsche Rentenindex seit Beginn seiner Berechnung am 31.01.1967 eine durchschnittliche Rendite in Höhe von 7,93 Prozent pro Jahr. Der DAX brachte es im gleichen Zeitraum auf lediglich jährlich 6,89 Prozent.

Kurzes Zwischenfazit – auch wenn es niemand hören will:
In den vergangenen rund 50 Jahren war eine Anlage in deutschen Renten vermutlich nicht alternativlos, aber zumindest alternativloser als die Anlage in deutschen Aktien. So weit, so ungut. Da ich auf meine mitunter ja recht eigenwillige Natur bereits hingewiesen habe, stelle ich aber grundsätzlich alles in Frage, was als gesetzt gilt oder einer Hinterfragung nicht bedarf. Sind deutsche Renten also wirklich alternativloser als andere Alternativen?

Um von den Aktien nicht allzu weit abzuschweifen, mache ich es kurz: Da die Zinssätze deutscher Bundesanleihen mit Laufzeiten bis einschließlich fünf Jahren derzeit negative Renditen ausweisen, sind deutsche Renten in der heutigen Zeit vermutlich allenfalls ein alternatives Los zum Los der Klassenlotterie, bei dem man im Vorhinein ja eigentlich bereits weiß, dass man nun auch die letzte Alternative los ist, endlich reich zu werden.

Da sind wir also doch wieder da, wo wir am Anfang bereits waren: Bei der Alternativ-losigkeit von Aktien. Habe ich mich da nun irgendwie verzettelt? Ach ja, da war ja noch was. Während der letzten 50 Jahre haben Aktien ja nicht nur Renditen erzielt. Mitunter sind die Burschen mit uns auch mal Achterbahn gefahren. Manchmal auch mehrmals in Folge. Schaut man sich diese Fahrten einmal genauer an, stellt man folgendes fest: An manchen Steilwänden ging es auf der DAX-Achterbahnfahrt das eine oder andere Mal ordentlich bergab – im schlimmsten Fall mal mit einem Gefälle von 72,7 Prozent. Da konnte man sich gar nicht so schnell übergeben, wie einem schlecht war.

Doch damit nicht genug. Vielleicht kennt ja jemand von Ihnen den Michael Jackson Thrill Ride im Phantasialand bei Brühl. Unser guter DAX hat darin vermutlich sein Vorbild gefunden und uns auf alternativlose, extrem ausgedehnte Fahrten durch den DAX Thrill Ride mitgenommen. Zwei Touren waren dabei besonders beeindruckend lang: Zwischen November 1969 und April 1983 durften wir die Verlustgondel erstmals wieder nach 13 Jahren und vier Monaten verlassen. Und von März 2000 bis Sommer 2013 durften wir uns wiederum mehr als 13 Jahre in der Verlustgondel den Magen auf links drehen lassen.

Deutsche Aktien – eine „beeindruckende“ Anlageform: Durchschnittliche Rendite pro Jahr in den letzten 50 Jahren: 6,7 Prozent, maximaler zwischenzeitlicher Verlust: 72,7 Prozent, längste Verlustphase: 13 Jahre vier Monate. Diese Zahlen sollte man sich mal in die Mütze meißeln, um zu wissen, wie niedrig die Messlatte für Alternativen zur Alternativloskeit doch eigentlich hängt.

Wenn Sie sich mich fragen, sind Aktien alles, aber nicht alternativlos. Alternativlos sind für mich allenfalls gute Vermögensverwalter, denen es – mit welcher Strategie auch immer – gelingt, dass Vermögen ihrer Kunden ertragreich und unaufgeregt nach Hause zu bringen.

Autor: André Kunze, geschäftsführender Gesellschafter P.A.M Prometheus Asset Management GmbH