Die sieben weitverbreitetsten Blockchain-Mythen

Alfred Taudes, wissenschaftlicher Leiter des Forschungsinstituts Kryptoökonomie der WU / Foto: © WU

WU-Experte Prof. Alfred Taudes, wissenschaftlicher Leiter des Forschungsinstituts Kryptoökonomie der WU und langjähriger Vortragender der WU Executive Academy räumt mit den sieben gängigsten Mythen rund um Blockchain und Bitcoin auf.

Der Bitcoin-Höhenflug hat eine Technologie in den Mittelpunkt des breiten Interesses gerückt, die davor beinahe ausschließlich bei Experten wirklich bekannt war: Blockchain. Dabei handelt es sich um eine verteilte Datenbank, die verschlüsselte, fälschungssichere Speicherung von Transaktionen ermöglicht. Stark vereinfacht handelt es sich um ein Kassenbuch, in das jede neue Transaktion eingetragen wird – mit der Besonderheit, dass jeder einzelne Nutzer über dieses Kassenbuch verfügt und trotzdem die Konsistenz der Einträge gesichert ist.

Die bekannteste Anwendung dieser Technologie ist die Kryptowährung Bitcoin, die als dezentrales Geldsystem vor allem wegen der enormen Kurssteigerungen interessant wurde. Rund um Blockchain und Bitcoin gibt es derzeit viele Mythen, die für Verwirrung sorgen – ganz typisch für eine neue Technologie.

Das Internet des 21. Jahrhunderts

Alfred Taudes, wissenschaftlicher Leiter des WU-Forschungsinstituts für Kryptoökonomie, vergleicht es mit der Frühphase des Internets in den 90er Jahren des vorigen Jahrtausends: „E-Mail war ja damals eine erste Anwendung und es ließ noch gar nicht erahnen, was folgen würde. Über E-Commerce hieß es, das könne nicht funktionieren, weil die Kunden die Waren physisch erleben wollen, keine Bezahlmöglichkeit vorhanden sei und die Zustellung viel zu komplex und teuer wäre. Die Realität hat gezeigt: Kinderkrankheiten werden ausgemerzt, vor kurzem stieg Amazon-Gründer Jeff Bezos zum reichsten Mann der Welt auf. Auch bei Blockchain wird es viele, ganz neue Anwendungen geben, die die gesamte Wirtschaft dominieren werden. Wir sind erst in der Phase des Ausprobierens.“

Mythos 1: Blockchain ist dasselbe wie Bitcoin.

„Bitcoin ist nur die erste Anwendung der Blockchain-Technologie“, sagt Taudes. Zur Speicherung der Bitcoin-Überweisungen wurde die erste Blockchain entwickelt. Seither gibt es viele Varianten und Weiterentwicklungen dieses Konzepts, auf deren Basis unzählige andere Anwendungen entwickelt werden, von der Re-Organisation der Lieferketten über neue Bankendienste bis zur Verwaltung persönlicher Daten. „Denken wir beispielsweise nur daran, dass bei den derzeitigen Medienplattformen der Großteil der Erlöse an die Plattformbetreiber geht, während die Künstler so gut wie leer ausgehen. Mit Kryptowährungen und der Blockchain könnten wir direkt bei den Künstlern einkaufen.“

Mythos 2: Blockchains werden sich nicht durchsetzen, weil sie zu viel Energie verbrauchen.

Der Grund für den Energieverbrauch ist der Proof-of-Work Mechanismus, der überprüft, ob eine Transaktion in der Bitcoin-Blockchain zulässig ist. Durch das rechen- und damit energieintensive Lösen eines mathematischen Rätsels erhält derjenige, der die Rechenleistung zur Verfügung stellt („Miner“), die Möglichkeit, einen neuen Transaktionsblock an die Blockchain anzuhängen, was die damit verbundene Auszahlung von Bitcoins ermöglicht. Für diese (Rechen-)Leistung bekommt er eine Transaktionsgebühr. Alternative Prüf- („Konsens-„)Mechanismen, die weniger Energie verbrauchen, werden derzeit weltweit erforscht. Auch relativiert sich das Energieargument, wenn man von der Betrachtung der einzelnen Überweisung auf die Ebene des Gesamtsystems wechselt. „Warum spricht eigentlich niemand über den Energieverbrauch des jetzigen Geldes?“, fragt Taudes. Überhaupt irrelevant ist das Energieargument bei Blockchain Anwendungen in Firmenverbünden, bei denen aufgrund der Bekanntheit und Stabilität der Teilnehmer einfachere Konsensmechanismen als Proof-of-Work zum Einsatz kommen.

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