Die Reiter der Apokalypse

Jörg Weitz (li) und Ralf China (re) / Foto: © 3FACH ANDERS / Ralf China

Manche Patentrezepte, Methoden und Denkmodelle sind einfach nicht totzukriegen. Obwohl schon zigfach wissenschaftlich widerlegt und begraben, wird ihnen immer wieder in Ratgebern, Vorträgen und Seminaren neues Leben eingehaucht und sie geistern wie Zombies durch die Ratgeberlandschaft. Typische Beispiele für solche Erfolgs-Zombies sind:

• Jeder Mensch kann selbst die größten Ziele erreichen („In drei Jahren garantiert zur ersten Million!“) – Hauptsache, die Methode stimmt.

• Wer Erfolg hat, hat sich das richtige Ziel gesetzt („Think big!“) und die richtige Einstellung gehabt („Ente oder Adler?!“).

• Die menschliche Willenskraft und Selbstdisziplin sind wie Muskeln, die sich durch harte Arbeit trainieren lassen („Wer will, der kann!“).

• Menschen müssen nur das Verhalten und die Gewohnheiten der Supererfolgreichen kopieren, um genauso erfolgreich zu sein („Lernen von den Besten!“).

• Menschen können sich beliebig verändern, wenn sie nur wollen („Tschakka, du schaffst es!“).

Diese so einfach klingenden Erfolgsrezepte können aber gar nicht funktionieren. Denn jeder Mensch ist anders. Alle über einen Kamm zu scheren, hat noch nie funktioniert. Jeder von uns muss sich seinen Erfolg ganz individuell erarbeiten. Obwohl das längst bekannt ist, setzen einige nach wie vor auf derartige Rezepte. Denn mit Standardmethoden lässt sich gutes Geld verdienen. Und viele fallen weiter darauf herein, obwohl sie es eigentlich besser wissen müssten. Diese vielfach beschworenen todsicheren Erfolgsrezepte funktionieren zwar scheinbar bei manchen Menschen, aber sie lassen sich nie 1:1 mit gleichem Erfolg auf jeden Menschen übertragen. Nicht selten werden bei solchen Betrachtungen zudem Ursache und Wirkung miteinander verwechselt.

In unserer Trainings- und Beratungspraxis mussten wir immer wieder erleben, wie an sich gute Veränderungskonzepte an einer mangelhaften Umsetzung scheiterten, weil die Führungskräfte und Mitarbeiter dabei in die Fallen der Erfolgs-Zombies getappt waren – und sich das einfach nicht eingestehen konnten. So gilt beispielsweise eine Transferquote von 30 % bei vielen Personalentwicklern als durchaus guter Wert. Die Transferquote misst, wie viele der in einem Seminar vermittelten Inhalte tatsächlich in die Praxis übertragen werden – in diesem Fall bedeutet es, dass 70 % nicht umgesetzt werden. Statt sich nun die Frage zu stellen, weshalb die Transferquote so gering ausfällt, versuchen viele, durch ein weiteres Training gleicher Art die Umsetzungsquote zu verbessern – meistens leider vergeblich.

Von Einstein stammt der Ausspruch: „Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und trotzdem andere Ergebnisse zu erwarten“ – genau das tun die meisten Menschen. Statt stärker zu individualisieren und zu differenzieren, wird starrsinnig auf ein „Das muss doch klappen!“ gesetzt. Hartnäckigkeit kann eine großartige Tugend sein, aber Hartnäckigkeit an der falschen Stelle kann voll nach hinten losgehen. Und das besonders Gemeine an so einer Situation ist, dass die o.g. Erfolgs-Zombies Ihnen dafür die Schuld geben; nicht etwas die Methode war falsch, sondern Sie haben es vermasselt, weil Ihr Ziel nicht hoch genug war, Sie sich die falschen Vorbilder gesucht haben oder sich einfach nicht genug gequält haben, um das angestrebte Ergebnis zu erreichen.

In der Kolumne von Jörg Weitz und Ralf China dreht sich alles um den dauerhaften Erfolg von Beratern und Vermittlern. Dabei bilden die kölnische Frohnatur Jörg Weitz, selbst jahrelang in der Finanzberatung aktiv und ein echter Menschenflüsterer, und der zugezogene Nordhesse Ralf China, der sich eher durch eine protestantische Arbeitsethik auszeichnet und mehrere Jahre als Unternehmensberater aktiv war, ein spannendes Gespann. Im Mittelpunkt stehen hier An- und Einsichten jenseits der gängigen Patentrezepte.

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch: „Sei du selbst, sonst geht’s dir dreckig! warum Erfolg nicht mit Patentrezepten, sondern nur individuell machbar ist“ von Ralf China und Juergen Schoemen.