Die politischen Risiken bleiben hoch

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Karsten Junius

Die tragischen Anschläge von Paris zeigen wie stark sich die Gefahren für die westliche Welt in den letzten Jahren verändert haben. Selbst wenn die Aktienbörsen auf die Anschläge kaum reagiert haben, werden diese die politische Landschaft verändern.

Schon davor hat die Flüchtlingswelle, mit der Europa derzeit konfrontiert ist, dazu geführt, dass der Wert der im Schengen-Raum offenen Grenzen immer mehr in Frage gestellt wurde. Es verschieben sich damit nicht nur die politischen Gewichte hin zu populistischeren und damit häufig auch unberechenbareren Kräften. Vielmehr werden Mobilitätshindernisse in Zukunft normaler werden. Damit besteht das Risiko, dass eine der Haupttriebfedern des Wachstums der letzten 15 Jahre weiter an Kraft verliert – die Globalisierung. Mit der Aufnahme Chinas in die Welthandelsorganisation wurde ein Prozess in Gang gesetzt, bei dem innerhalb weniger Jahre die globalen Wertschöpfungsketten vollkommen neu organisiert wurden. Dies hatte zu dem Boom der Emerging Markets, einer fantastischen Wachstumsphase in China und damit zusammenhängend dem Anstieg der Rohstoffpreise geführt.

Die Globalisierung hat aber nicht nur auf den Gütermärkten stattgefunden. Auch die Finanzmärkte haben von der Globalisierung profitiert. Sicherlich hat das auch zu Exzessen beigetragen, bei denen beispielsweise deutsche Sparer Subrime-Hypotheken in den USA refinanziert haben. Dennoch – der Wert freier Grenzen ist hoch. Massiv erhöhen sie die Effizienz der Weltwirtschaft. Neben den geopolitischen Risiken erscheinen die wirtschaftlichen Risiken für 2016 sogar eher gering. Weiterhin gilt, dass die weltwirtschafte Entwicklung durch die globale Schuldenkrise gekennzeichnet bleibt. Diese führt zu einer nur moderaten Erholung bei niedrigen Inflationsraten und Zinsen. Dank eines wieder robusten Arbeitsmarktes kann die US-Notenbank auf einen Zinserhöhungspfad einschwenken, der einige in US-Dollar verschuldete Schwellenländer 2016 vor Herausforderungen stellen könnte. Leitzinserhöhungen in den USA sollten auch zu einer leichten Aufwertung des US-Dollars in einem Umfeld führen, in dem die meisten anderen Zentralbanken versuchen werden, ihrer Wirtschaft mittels schwacher Währungen zu unterstützen. Dies sollte zu einem stabilen Wachstum beitragen, das in den Industrieländern weniger als in anderen Zyklen durch Überinvestitionen bedroht wird. Folglich bleiben die Hauptrisiken im politischen Umfeld. Und das gilt nicht nur für geopolitische und Sicherheitsrisiken.

2016 ist auch das Jahr, in dem die Wahlen in den USA und Regionalisierungsbestrebungen in Europa zu einigen Verwerfungen führen können. Zwar erachten wir die Chancen eines Brexit für gering, genau wie die einer Abspaltung Kataloniens von Spanien oder dass die neue portugiesische Regierung den Weg Griechenlands in diesem Jahr einschlägt. In einem Umfeld, in dem das Wachstum schwach und der wirtschaftspolitische Spielraum gering bleiben, können unerwartete Konflikte und politische Entscheidungen jedoch grosse Folgen haben. Die Herausforderungen im nächsten Jahr bleiben daher hoch.

Autor: Karsten Junius, Chefvolkswirt, Bank J. Safra Sarasin