Die Merz-Rente – ein Faktencheck

Die Einwände der Wissenschaftler

Der Einwand mehrerer Wissenschaftler, es gäbe keinen Grund, bestimmte
Anlageformen zu begünstigen ist sachlich falsch, da Aktien historisch Renten in allen
30-Jahres-Zeiträumen seit dem Jahr 1900 (mit Ausnahme des Zeitraums 1985 bis
2015, als die Zinsen in Richtung null Prozent sanken) immer um durchschnittlich mehr
als 4% p.a. übertroffen haben. Nach Zeiten hoher Staatsverschuldung, also nach 1945,
lag der 30-Jahres-Renditevorsprung von Aktien gegenüber Renten sogar bei 7 % p.a..

Auch die aktuellen Bewertungen von Renten (in allen Industrieländern völlig überteuert
und bonitätsschwach) und Aktien (in den meisten Industrie- und Schwellenländern
normal bewertet) spricht mit hoher Signifikanz für deutliche Überrenditen von Aktien
gegenüber Renten in den nächsten Jahrzehnten. Und das Beste ist, dass sich der
Besitzer von Anteilen eines weltweiten Aktienfonds nicht einmal mehr Gedanken
darüber machen muss, ob der Euro überlebt. Langfristig sind Währungskrisen für
Aktienanlagen irrelevant, für Rentenanlagen dagegen oft katastrophal.

Andere Experten fordern, die bestehenden Systeme zu überarbeiten. Ließen wir diese
Überarbeitung von schwedischen Politikern durchführen, wäre ich damit einverstanden.
Deren Erkenntnisse bei der Einführung der kapitalgedeckten Altersvorsorge waren
erstens: Die von der Fondsindustrie angebotenen Anlageprodukte müssen besonders
kostengünstig sein, was in Deutschland nicht der Fall ist, weswegen Riester-Sparen
allmählich ausstirbt. Zweitens kamen die Schweden auf die Idee, für alle Anleger, die
sich weder für eine Anlageform noch für einen Anbieter entscheiden können, einen
kostengünstigen Staatsfonds anzubieten. Nachdem sich die zuständigen Beamten
sachkundig gemacht hatten, war ihnen klar, dass der Fonds weitgehend (zu ca. 90%)
auf internationale Aktien setzen muss, um gute Erträge zu erzielen. Doch da unsere
Politiker schon an diesen beiden offensichtlichen Punkten – günstige Kosten und
Schwerpunktanlage Aktien – scheitern, fürchte ich, wird das nichts mit der
Nachbesserung. Der schwedische AP7-Fonds ist anders als Riester jedenfalls für die
schwedischen Sparer ein großer Erfolg mit hohen Renditen.

Der Einwand von Wissenschaftlern und Politikern, keine speziellen Steuervorteile für
eine aktienbasierte Altersvorsorge zu gewähren, scheint zunächst nachvollziehbar.
Wenn man jedoch die Tatsache bedenkt, dass die in den nächsten Jahrzehnten
absehbaren Rentenkürzungen nur noch mit hochrentierlichen kapitalgedeckten
Modellen noch abgefangen werden können, aber speziell die deutschen Sparer eine
besondere Furcht vor Aktien haben, die als einzige Anlageform langfristig die nötige
Rendite und Sicherheit erwirtschaften werden, man muss der Staat mit hohem
Nachdruck seine bisherigen Versäumnisse nach schwedischem Vorbild
wiedergutmachen. Das bedeutet:

1. Besondere Steuervorteile bis zu einem zu definierenden Höchstbetrag (z.B. €
1.000 pro Monat und Sparer) für einen massiv aktienlastigen Fonds. Ein
bayerischer Finanzminister sagte einmal, in Deutschland sei der
Steuersparantrieb größer als der Fortpflanzungstrieb. Also kann man mit
Steueranreizen die Folgen der zu geringen Fortpflanzung bekämpfen.

2. Praktisch Kostenfreiheit zur weiteren Steigerung der Rendite, indem der Staat die
Verwaltung übernimmt oder einen oder mehrere renommierte Anbieter der
Finanzindustrie bittet, das Produkt kostenfrei anzubieten. Das könnte manch
einem Anbieter durchaus als attraktive Möglichkeit erscheinen, seinen Ruf
aufzubessern. In diesem Punkt könnte Friedrich Merz seinen Vorschlag
konkretisieren und auch den letzten Einwand entkräften, er fordere „quasi
Steuervorteile für seine Firma“ (SPD-Fraktionsvize Karl Lauterbach).

Insgesamt wäre es wünschenswert, dass die Politik endlich beginnt, mit Blick auf den
allgemeinen Wohlstand und die politische Stabilität in unserem Land alle Vorschläge zur
Verbesserung der Altersvorsorge der Bevölkerung sachlich zu prüfen, was erkennbar im
Falle des Aktien-Altersvorsorgefonds von Friedrich Merz nicht gemacht wurde.

Kolumne von Reinhard Panse,
CIO von HQ Trust