Die Lieblinge schwächeln

Bis vor kurzem waren Schwellenländer eine der ersten Adressen für Investoren auf der Suche nach Rendite, denn die Wachstumsstory spielte dort. Diese Erfolgsgeschichte hat nun Kratzer bekommen. Investoren ziehen Geld ab, Währungen werten zum Dollar ab und auch an vielen Börsen ging es nach unten. Muss man Schwellenländer jetzt abschreiben?

Die Schwellenländer-Story handelte bislang vom Niedergang der industrialisierten Welt und dem rapiden Aufstieg der bevölkerungsreichen Länder wie China, Brasilien, Indien und Indonesien. Die wirtschaftlichen Zahlen gaben der Hypothese vom „unaufhaltsamen Siegeszug” der Schwellenländer bis dato Recht. Das hohe Wirtschaftswachstum aufgrund einer jungen Bevölkerungsstruktur und ein aufholender Konsumbedarf waren einige Gründe. Ob nun Brasilien oder Türkei, langfristig fühlte sich der Investor bisher noch auf der sicheren und renditestarken Seite.

Mit den Andeutungen, sie werde wohl bald ihre lockere Geldpolitik eindämmen, läutete die US-Notenbank Fed einen Exodus der Investoren aus den Schwellenmärkten ein. Besonders hart erwischte es Länder mit hohen Handelsbilanzdefiziten, die auf den Zustrom von Kapital aus dem Ausland angewiesen sind. Mittlerweile sprechen Investoren von den „Fragilen Fünf” und meinen damit die am meisten gefährdeten Staaten: Indien, Indonesien, die Türkei, Brasilien und Südafrika. Mit Indien und Brasilien gehören dabei zwei Länder zu den Wackelkandidaten, die der Urvater der Schwellenländer-Story und Begründer des Akronyms BRIC (Brasilien, Russland, Indien und China), Goldman Sachs-Legende Jim O’Neill, noch vorwenigen Jahren pries. Die großen Schwellenländer Türkei und Südafrika versuchen nun, sich mit höheren Leitzinsen gegen Währungsturbulenzen und Kursverfall der Landeswährungen zu stemmen.

Der plakative Satz „Emerging Markets sind gut” stimmt so pauschal nicht mehr. Man muss genauer hinschauen, differenzieren, um auch künftig mit Schwellenländer-Investments satte Renditen einfahren zu können. „Die Wertentwicklung von Emerging Markets Anleihen dürfte künftig höchst unterschiedlich verlaufen, je nachdem, wie gut die Fundamentaldaten eines Landes ausfallen”, sagte Michael Hasenstab, Schwellenländerspezialist der Fondsgesellschaft Franklin Templeton, jüngst in einem Interview. „Schwellenländerfonds gehören in ein langfristig gut ausgerichtetes Portfolio”, zeigt sich Nick Price, Fondsmanager bei Fidelity Worldwide Investment, überzeugt und ergänzt, dass die Bewertungslevels im Verhältnis zu den Industriestaaten momentan sehr attraktiv seien. Auch Tobias Eppler, Investment Analyst bei Schroder Investment Management, sieht nach wie vor gute Gründe, die für Schwellenländer sprechen. „Die starken Fundamentaldaten der Schwellenländer sind nach wie vor intakt. Die Staatsverschuldung ist mit -0,7 % des BIP (Q3/2013) wesentlich geringer als bei den Industrienationen (-2 %).” Vermögensverwalter wie Uwe Wiesner, Berater der Hansen & Heinrich AG in Berlin, erläutern die Chancen dieser Staaten, aber weisen auch auf die Risiken hin. „Als Investitionsziel sollte man heute nicht in die Schwellenländer investieren, sondern sehr genau in einzelne Volkswirtschaften, da die Situation der Länder heute zu unterschiedlich ist”, so Wiesner. Thomas Freiberger, Geschäftsführer der Freiberger Vermögensverwaltung GmbH, bringt es auf den Punkt: „In Schwellenländer waren, sind und werden wir weiterhin investiert sein.”

Wie lässt sich die Story erfolgsversprechender Schwellenländer den Kunden attraktiv erzählen? Vermögensverwalter Michael Dutz, Vorstand der ADLATUS AG, setzt im Beratungsgespräch auf Grafiken und Researchunterlagen von verschiedenen Investmenthäusern, die die Verschiebung der Wirtschaftskräfte in den nächsten Jahren verdeutlichen. „Im Vordergrund sollten Charts stehen, die die strukturellen Themen aufzeigen”, ergänzt Wiesner.

Schwellenlaender

Trotz der zuletzt negativen Performance findet man einige Perlen, mit denen sich auch in schweren Zeiten Geld verdienen lässt:

Dazu zählt der Schroders Frontier Markets Equity, gemanagt von Fondsmanager Allan Conway und Rami Sidani, die in der Vergangenheit mit ihrer Performance überzeugten: Im vergangenen Jahr betrug das Plus rund 35 %, über zwei Jahre 65,3% und über drei Jahre knapp 61%. Hauptanlageziel des gut 200 Mio. Euro großen Fonds sind mit etwas über 20 % die Vereinigten Arabische Emirate. Titel aus Katar machen 18 % aus, Kuweit ist zu 16 % allokiert. Weitere Frontier Markets im Portfolio sind unter anderem Nigeria und Vietnam. Der knapp 5 Mrd. Euro schwere First State Global Emerging Markets Leaders von Fondsmanager Jonathan Asante und Glen Finegan hat zuletzt zwar Federn lassen müssen, liegt aber auf längere Sicht immer noch deutlich im Plus. Die Ländergewichtung Indien und Südafrika macht rund ein Viertel im Portfolio aus, was zum Minus von 3,4 % seit Jahresbeginn beigetragen hat. Über den Zeitraum von zwei Jahren steht jedoch ein Plus von 6,2 % und über fünf Jahre beträgt die Wertentwicklung kumuliert sogar 129,1 %. Berater, die ihren Kunden hier eher passive Indexfonds (ETFs) empfehlen, sollten die Performance des iShares MSCI GCC ex-Saudi Arabia im Auge behalten. Der ETF ist auf die Golfstaaten beschränkt. 2013 steht ein sattes zweistelliges Plus von knapp 25 %, und auch seit Jahresanfang hält der positive Trend an. Einen guten Start in 2014 schaffte auch der ÖKOWORLD Growing Markets 2.0., der im Herbst 2012 aufgelegt wurde und in Unternehmen investiert, die umwelt- und sozialverträgliche Technologien, Verfahren oder Produkte vertreiben.

Fazit
Berater und Investoren sollten nach dem Abschwung nicht einfach einem Schwellenländer-Index wie beispielsweise dem MSCI Emerging Markets folgen. Stattdessen ist ein aktiver und benchmarkunabhängiger Ansatz zu empfehlen, so dass die derzeit attraktiven Länder im Portfolio übergewichtet werden können. Die Schwellenländer-Story hat zwar Kratzer abbekommen, aber sie bleibt grundsätzlich intakt. Für ein diversifiziertes Portfolio sind Schwellenländer ein nützlicher Baustein. Visualisierungen mit aussagekräftigen Charts und komprimiertem Researchmaterial der Investmenthäuser helfen im Beratungsgeschäft.

(ah)

Schwellenländer – Printausgabe 02/2014