Die bevorstehenden Wahlen bergen Chance und Risiken

Wahlen sind auch Chancen

Bei all den Ängsten, Sorgen, der Wut und der Unzufriedenheit über das sogenannte europäische Establishment – dazu zählen wir im Übrigen auch die Europäische Zentralbank – liegt in jeder Wahl, Abstimmung oder Befragung auch eine Chance. Ganz generell kommt uns die positive Interpretation unserer Demokratien in der medialen Welt viel zu kurz.

Das Meinungsbild der Bevölkerung über einen möglichen Brexit deuten wir zum Beispiel konstruktiv. Es wird nachgedacht über Alternativen! Das Denken in Möglichkeiten fördert den Wettbewerb um die Beste Lösung für eine Gesellschaftsform. Auch wenn einem das aus der tradierten, gewachsenen Sichtweise heraus nicht immer passt. Aber vielleicht gibt es eben bessere Möglichkeiten und Konstellationen des Zusammenlebens, des wirtschaftlichen Handelns, der Verteidigung und der europäischen Zusammenarbeit.

Oft braucht es unmittelbare Schock-Ergebnisse, um einem Wahlvolk die tatsächlichen Folgen seines Wählens und seiner Macht vor Augen zu führen. Dafür ist das britische Referendum ein gutes Beispiel. Erst jetzt wird ernsthaft über die Vorteile, die eine Zugehörigkeit zu einer politischen Gemeinschaft bietet, diskutiert.

Die Welt dreht sich auch nach undenkbaren Ergebnissen weiter

Sollten also aus unserer Traditions-Perspektive betrachtet, undenkbare „Weltuntergangs-Wahlergebnisse“ zustande kommen – ein US-Präsident Donald Trump, Rücktritt von Matteo Renzi in Italien, Rechtsruck in den Niederlanden und in Frankreich – so wird sich die Welt weiterdrehen, wir werden ganz normal zur Arbeit gehen und die Sonne wird täglich neu aufgehen.

All diese Konstellationen sind eingebunden in kulturelle, gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Strukturen, die nicht so einfach radikal verändert werden können. Die Möglichkeiten sind mithin begrenzt, extreme Veränderungen herbeizuführen. Und bei aller etwaigen Einseitigkeit der Sichtweisen, auch diese Damen und Herren wollen nicht als Totengräber ihrer Wirtschaft, Verursacher von politischen Spannungen oder Kriegen oder als Krisenverantwortliche in die Geschichte eingehen. Es kommt nicht oft vor, dass wir Karl Marx zitieren, aber wie für alle Ämter und Positionen gilt auch hier: „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“. Einmal im Amt eines Regierungs-Chefs oder Staatsoberhauptes spürt man unmittelbar die damit zusammenhängende Verantwortung, die prägend für das Handeln wird.

Europas Aktienmärkte mit dem Polit-Malus behaftet

Trotz aller Chancen der Veränderung versehen die internationalen Aktienmärkte unseren Kontinent leider politischen Abschlägen. Vor allem seit dem Finanzkrisen-Tief im März 2009 entwickeln sich zum Beispiel die US-Indizes signifikant besser als europäische Leitbarometer. Der S&P 500 verdreifachte sich in dieser Zeit, während der EuroStoxx 50 nur 65% zulegte. Auch jüngst setzt sich diese Entwicklung fort. Betrachtet man die letzten zwölf Monate so liegt der US-Leitindex zweistellig im Plus, während Europa unter hohen Schwankungen auf der Stelle tritt. Folge ist eine ungleich höhere Bewertung von US-Dividendenpapieren im Vergleich zu europäischen Aktien – sprich, sie sind viel teurer. Je nach Bewertungsmaßstab zwischen 40% und 60%. In der Geschichte wurden solch große Bewertungsunterschiede immer wieder aufgeholt. Leider kann man davon guten Gewissens die nächsten zwölf Monate nicht ausgehen.

Fazit

Die Finanzmärkte sind in den letzten Jahren zunehmend von politischen Ereignissen geprägt. Ein Mehr an politischer Stabilität wird von den Finanzmärkten honoriert. Für Anleger führt nichts an einer international breit gestreuten Anlagestruktur vorbei, wozu natürlich europäische Anleihen und Aktien dazugehören. Denn auch hier gibt es Chancen, vor allem wenn sich durch politische Verunsicherungen günstige Einstiegskurse ergeben. Schwankungen zu erwarten, zu ertragen und gewinnbringend zu nutzen, bleibt oberstes Gebot und Herausforderung für Anleger und Vermögensverwalter.

Kolumne von Daniel Zindstein, Leiter Portfoliomanagement GECAM AG

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