Die Assekuranz ist kein Startup

Versicherer auf dem Weg in die Zukunft
Risiken wachsen - dann sollten es auch die Versicherer © fotogestoeber - Fotolia.com

Eine der ältesten Branchen, die Versicherungswirtschaft, findet sich im digitalen Zeitalter vor neuen Herausforderungen. Die Lösung könnte sein: digitale Chancen mit analogem Handeln kombinieren.

Der 11. Nordbayerische Versicherungstag fand am 6. Oktober 2016 in Nürnberg statt. Die diesjährige Fachtagung beschäftigte sich mit der aktuellen Frage „Arbeitswelt Versicherung – Wie arbeiten wir morgen?“. 400 Teilnehmern wurde das Thema aus verschiedenen Perspektiven von Experten aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft präsentiert.

Blick über den Tellerrand wagen

Einen Blick über den Tellerrand wagte Thomas Silberhorn, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, in seinem Vortrag zu Versicherungslösungen in der Entwicklungszusammenarbeit.

„Durch den Klimawandel bedingte Umweltrisiken, wie Dürren oder Überschwemmungen, treffen häufig genau die Länder, die am wenigsten zur Erderwärmung beigetragen haben. Wir müssen rechtzeitig Vorsorge treffen, um zu verhindern, dass Menschen im Unglücksfall auf einen Schlag ihre gesamte Existenzgrundlage verlieren. Klimarisikoversicherungen, Agrarversicherungen und Versicherungen zur Existenzsicherung haben hier riesiges Potenzial”, so Silberhorn.

Bislang seien in den weltweit hundert ärmsten Ländern lediglich drei Prozent der Bevölkerung mit Versicherungen gegen Risiken wie diese abgesichert. Der Experte für internationale Zusammenarbeit und eine Hilfe zur Selbsthilfe in Entwicklungsländern Silberhorn warb dafür, das Produktportfolio der Versicherer entsprechend auszubauen. Mikro-Lebensversicherungen sind ein gelungenes Beispiel auch neben den Sachdeckungen eine kleine Altersvorsorge aufzubauen.

Veränderungsprozesse in der Arbeitswelt – Kollege Algorithmus

„Die Arbeitswelt befindet sich in einem rasanten und umfassenden Veränderungsprozess“, sagte Professorin Dr. Jutta Rump, Direktorin des Instituts für Beschäftigung und Employability.

Die Digitalisierung und Industrie 4.0, die Umgestaltung von Prozessen in der Wertschöpfung und Geschäftsmodellen, die Globalisierung, der Beschleunigungs- und Komplexitätszuwachs sowie der Innovationsdruck bei gleichzeitigem Kostendruck als Wettbewerbstreiber – alle diese Entwicklungen beeinflussen heute und in Zukunft Arbeitgeber und Arbeitnehmer, erläuterte Rump.

Nicht minder stark verändere der gesellschaftliche Wertewandel, die Nachhaltigkeitsbestrebungen, die Individualisierung und Polarisierung der Arbeitsmärkte sowie der Mangel an Fachkräften die Arbeitswelt. Besonders ins Gewicht fielen dabei die Knappheit des Nachwuchses, buntere Belegschaften, die Alterung der Gesellschaft und von Belegschaften sowie die Verlängerung von Lebensarbeitszeiten.

Technologische und wirtschaftliche Innovationen werden, so Rump, nicht nur durch Prozess- und Strukturinnovationen begleitet. Vielmehr bedarf es auch Innovationen in der Führung und im Umgang mit Mitarbeitern, in der Gestaltung von Kooperation und Kommunikation sowie von Arbeitsplätzen und Arbeitsplatzbedingungen. Diese sozialen Innovationen seien notwendig, um die Wettbewerbsfähigkeit und Leistungsfähigkeit des Unternehmens auf einem hohen Niveau zu halten, resümierte Rump.

Auswirkungen auf Verwaltung und Vertrieb

Der Versicherungsmarkt habe sich verändert. Neben regulatorischen Vorgaben, der demografischen Entwicklung und der Niedrigzinsphase spielt insbesondere die Digitalisierung eine entscheidende Rolle, so Dr. Armin Zitzmann, Vorstandsvorsitzender der Nürnberger Versicherungsgruppe.

Die Digitalisierung sei dabei oftmals der Treiber für Innovation, sowohl bei Versicherungslösungen als auch bei Prozessen.

Für die Zukunftsfähigkeit von Versicherungsunternehmen ist ein in die Strategieentwicklung integriertes Innovationsmanagement von zentraler Bedeutung, meinte Zitzmann.

„Ein Versicherungsunternehmen ist kein Startup und kann auch nicht so geführt werden. Aber die wertvollen, neuen Ideen und Ansätze der Startup-Unternehmen können uns helfen, schneller und kundenorientierter zu werden“, warnt der CEO der Nürnberger Versicherungsgruppe.

Im Innendienst werde die Digitalisierung zu einer Standardisierung und Automatisierung von Prozessen führen und flexiblere Arbeitszeiten und -orte fördern. Auch im Vertrieb werde es zu Veränderungen kommen.

„Ein zunehmender Teil der Kunden fordere die Möglichkeit, über sämtliche digitale Kanäle mit uns zu kommunizieren“, sagte Zitzmann.

Dementsprechend werde die Kommunikation mehr und mehr digital werden. Gleichwohl besteht beim Kunden weiterhin der Wunsch nach analogem Service wie die persönliche Beratung, gerade bei komplexeren Produkten. „Erfolgreich wird sein, wer seinen Kunden beides bieten kann“, so Zitzmann.

Plattformen als Innovationstreiber nutzbar

Professorin Dr. Kathrin M. Möslein von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg betonte den Wert von Plattformen als Entwicklungszentren. Für die Wirtschaft sind sie ein kreativer Innovationstreiber, Kulturwandler und Talentmagnet. In Nürnberg gibt es bereits seit zwei Jahren das Innovationslabor JOSEPHS, das als Plattform zur gemeinsamen Generierung und Erprobung von neuen Produkten, Prozessen und Dienstleistungen genutzt wird.

„Auf einer Fläche von mehr als 400 m² können Produkt- und Serviceneuheiten entdeckt, spielerisch ausprobiert und nach eigenen Ideen bis zur Marktreife gestaltet werden“, erläuterte Möslein.

Mit dem ZOLLHOF stellte sie zudem ein neues digitales Gründerzentrum vor, das als Plattform für innovative Unternehmer, insbesondere im Bereich digitaler Start-ups, konzipiert ist.

„Beide Plattformen bilden Orte, an denen sich die Zukunft der Arbeitswelt von und für Versicherungen schon heute erproben und erleben lässt“, so Möslein.

Im JOSEPHS werden Kunden zu Mitgestaltern und Innendienst sowie der Vertrieb und Entwickler zum Innovationspartner des Kunden. Im ZOLLHOF werden Mitarbeiter zu Gestaltern der Digitalisierung und Start-ups zu ihren Verbündeten. (db)