Deutschland: Nur geringe Einbußen durch Brexit zu erwarten

Ulrike Kastens, Stellvertretende Leiterin Volkswirtschaft des Bankhauses Sal. Oppenheim

Ulrike Kastens, Stellvertretende Leiterin Volkswirtschaft des Bankhauses Sal. Oppenheim, analysiert die Folgen des Brexit für die deutsche Wirtschaft:

  • Einen Wirtschaftseinbruch wie nach der Lehman-Pleite 2008 erwarten wir nicht: Wir rechnen mit einer Fortsetzung des moderaten Wachstums.
  • Die Unsicherheit über den wirtschaftlichen Kurs Großbritanniens dürfte dennoch Spuren im deutschen Außenhandel hinterlassen. Vor allem die von uns erwartete längere Abwertung des Pfunds wird deutsche Exporteure belasten.
  • Im Gesamtjahr 2016 könnten bis zu rund 450.000 Stellen entstehen. Positiv ist der Anstieg der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung. Damit stehen die Zeichen für den Konsum weiterhin auf Grün.
  • 3 Gründe sprechen dafür, dass der private Verbrauch 2016 und 2017 um knapp 2 % zulegt – und damit schneller als das gesamte BIP: Stellenwachstum, Reallohn-steigerungen und das niedrige Zinsniveau.
  • Aufgrund der Nullzinspolitik gehen wir nicht davon aus, dass es zu einer deutlichen Beruhigung am deutschen Immobilienmarkt kommt. Das begrenzte Kreditwachstum lässt derzeit keine Exzesse erwarten, wie es in Spanien und Irland der Fall war.

Diagramm1 Bisher solide Stimmung in der Industrie Trotz der immer noch bestehenden Probleme in den Schwellenländern konnte sich die Stimmung in der Industrie bis zuletzt weiter verbessern. In den kommenden Monaten dürfte der Gegenwind für die deutsche Industrie allerdings nochmals kräftiger wehen: Die Unsicherheit über den weiteren wirtschaftlichen Kurs in Großbritannien nach dem EU-Referendum wird auch Spuren im deutschen Außenhandel hinterlassen, auch wenn der Anteil der Handelsverflechtungen nur 3,5 % des BIP beträgt. Vor allem die von uns erwartete längere Abwertung des Pfund wird viele deutsche Exporteure belasten. Einen generellen Wirtschaftseinbruch wie nach der Lehman-Pleite im Jahr 2008 erwarten wir aber nicht: Vielmehr rechnen wir mit einer Fortsetzung des moderaten Wachstums. Diagramm2Der Job-Motor läuft Die enge Verbindung zwischen Konsum und Arbeitsmarkt ist größtenteils für das solide Wachstum in Deutschland verantwortlich. Allein in den ersten 5 Monaten sind in der deutschen Wirtschaft rund 260.000 neue Stellen geschaffen worden. Es sieht daher danach aus, dass im Gesamtjahr 2016 wiederum rund 450.000 Stellen entstehen könnten. Positiv ist dabei nach wie vor der ungebrochene Anstieg der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung. Aufgrund dieser Entwicklung stehen die Zeichen für den Konsum weiterhin auf Grün. Hinzu kommen Reallohnsteigerungen und ein niedriges Zinsniveau, so dass der private Verbrauch 2016 und 2017 um knapp 2 % zulegen dürfte. Er wächst damit schneller als das gesamte Bruttoinlandsprodukt. Diagramm3Nullzinsen beflügeln deutschen Immobilienmarkt Die Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank hinterlässt Spuren im deutschen Immobilienmarkt: Im Gesamtjahr 2015 haben sich die Preise nach Berechnungen der Bank für Internationalen Zahlungsverkehr um 5,2 % im Vergleich zum Vorjahr erhöht. Auch wenn es nach den Analysen der Bundesbank in Teilbereichen bereits zu deutlichen Übertreibungen kommt (wie zum Beispiel bei Eigentumswohnungen), so weist der gesamte Markt jedoch noch keine Anzeichen für eine Blasenbildung auf, wie es in Spanien und Irland der Fall war. Gerade das Kreditwachstum bewegt sich im Rahmen und lässt derzeit keine Exzesse wie in den oben genannten Ländern erwarten. Aufgrund der Nullzinspolitik der EZB gehen wir nicht davon aus, dass es zu einer deutlichen Beruhigung am deutschen Immobilienmarkt kommt.

Autorin: Ulrike Kastens, Bankhaus Sal. Oppenheim