Der schlechteste Jahresauftakt aller Zeiten

Ausgehend vom Jahresendstand bei gut 10.700 waren die Bankenprognosen für dieses Jahr recht zuversichtlich. Gut zehn Prozent Plus gestanden die Research-Abteilungen in diversen Finanzinstituten dem DAX zu. Schließlich gilt die Aktienanlage angesichts des Nullzinsniveaus als allgemein „alternativlos“.

Die Prognosen werden jedoch wie so oft schneller über den Haufen geworfen als man sich hätte träumen lassen. Seit Jahresanfang geht es kontinuierlich abwärts. Auch wenn das Jahr noch lang ist und bis Jahresende noch vieles passieren kann: Mittlerweile hat der deutsche Aktienindex DAX gegenüber dem Jahreswechsel schon über 16 Prozent verloren.

Der Gewinn des gesamten Vorjahres ist mehr als aufgebraucht. Um den durchschnittlich prognostizierten Jahresendstand noch zu erreichen, müsste der DAX mittlerweile über 30 Prozent zulegen. Wieder einmal sind Börsenprognosen die Tinte auf dem Papier nicht wert. Nach gerade mal sechs Wochen werden natürlich nicht gleich alle Prognosen revidiert, aber es beginnt ein erstes Umdenken, die Erwartungen im Laufe dieses Jahres korrigieren zu müssen. Ok, eine Punktlandung zu prognostizieren ist ja ohnehin Glücksache, aber zumindest die Richtung sollte stimmen.

Im Nachhinein muss man jedoch sagen, die meisten Banken und Vermögensverwalter gingen viel zu optimistisch in das neue Jahr. Mittlerweile bewegen sich die Aktienkurse in einem regelrechten Abwärtsstrudel. Jede noch so kleine Erholung wird wieder abverkauft. Der Abwärtsdruck ist stark. Dass es im Januar durchweg nach unten ging, war noch nie da, denn eigentlich zählt der Jahresanfang zu den saisonal besten Börsenzeiten. Aber auch die Hoffnung, dass es zumindest im Februar besser wird, scheint man ad acta legen zu müssen.

Vor wenigen Tagen hat der deutsche Aktienindex eine wichtige Unterstützungsmarke durchbrochen und sich weiteres Potential nach unten eröffnet. So wie es jetzt aussieht, ist es alles nur noch eine Frage des Tempos, wie schnell wir neue Tiefs sehen werden. „Verkaufen Sie alles – außer hochwertige Anleihen“, rät zum Beispiel Europa-Chefanalyst Andrew Roberts von der Royal Bank of Scotland. Auch andere Investorenlegenden (George Soros) fühlen sich bereits an die Finanzkrise 2008 erinnert. Die Krisenherde mögen heute andere sein, aber irgendwie liegt etwas in der Luft, dass es irgendwo zum großen Knall kommen könnte.

Zum Beispiel ausgelöst von immer neuen Tiefstständen im Ölpreis. Die Angst, dass der Ölpreis ein Vorläuferindikator für eine weltweite Rezession ist, ist groß. Was für ölimportierende Länder als Konjunkturförderung gelten könnte, ist für Öl-Export-Länder mittlerweile ein Desaster, das Staatsfinanzen zum Platzen bringen kann. Der Staatshaushalt von Venezuela steht auf der Kippe. Milliardenschwere Staatsfonds aus Saudi-Arabien und Norwegen müssen mittlerweile Investments liquidieren, um Mittel für den Staatshaushalt freizumachen. Ganz zu schweigen von der amerikanischen Fracking-Industrie, bei der alle nur noch auf die ersten Pleite-Nachrichten warten.

Zweiter Sprengstoffherd bleibt China: Die Wahrscheinlichkeit einer harten Landung der chinesischen Wirtschaft ist deutlich gestiegen. Die veröffentlichten Wachstumszahlen sind wohl viel zu hoch ausgewiesen. Vielleicht ist dies auch weniger ein Problem für China selbst, aber wenn die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt nicht mehr signifikant wächst, strahlt das auf die Nachbarstaaten und auch den Rest der Welt aus.

Weitere Gefahr lauert mal wieder aus dem Bankenbereich: Während die amerikanischen Banken gestärkt aus der Finanzkrise hervorgingen und mittlerweile wieder üppige Gewinne erzielen, ist die Situation in der europäischen Bankenwelt ein Trauerspiel. Neben italienischen und spanischen Banken kommt nun auch der Platzhirsch Deutsche Bank unter massiven Abgabedruck. Die Deutsche-Bank-Aktie stürzte auf 13 Euro ab, so tief wie zu Zeiten der Finanzkrise. Vom Marktwert her ist das größte deutsche Bankinstitut gerade noch so viel wert wie Beiersdorf. Die Marktkapitalisierung der US-Investmentbank Goldman Sachs ist dreimal so groß. Die Deutsche Bank sah sich sogar genötigt, ihre Anleihengläubiger zu beruhigen, weil erste Zweifel an der Zahlungsfähigkeit der Bank aufkamen. Aus Erfahrung mit der Pleite der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers muss man sagen, dass jede Bank kippen kann, wenn das Vertrauen verspielt ist.

Viele Probleme – und sie scheinen sich zu kumulieren. Die Prognose, wo die Aktienmärkte am Jahresende genau stehen, ist müßig. Erkenntnis des Tages: 2016 wird KEIN Aktienjahr!

Autor: Dr. Marc-Oliver Lux von Dr. Lux & Präuner GmbH & Co. KG in München