Der Mai wird kommen …

Nicht nur bei den Volksliedern, auch an der Börse, hat sich der Mai einen Namen gemacht. Auch in 2016 wird die Börsenweisheit wieder diskutiert: Sell in may…?

Nachdem in vielen Artikeln nachzulesen ist, warum der Börsenaufschwung weitergeht, will ich mich heute mit den Argumenten auseinandersetzen, die für einen Ausstieg sprechen.

Wie ich schon in meiner Dezemberkolumne schrieb, ist die Hausse in die Jahre gekommen und mit über sieben Jahren außergewöhnlich lang. Die lockere Notenbankpolitik hat sicher dazu beigetragen. Obwohl die Gewinne der DAX-Unternehmen seit 2010 insgesamt stagnieren, hat der Index in 2015 ein neues All-Time-High erzielt. Vorläufer des letzten Crashs sind wieder im Abwärtstrend: Caterpillar, Alcoa, Sotheby´s und vor allem der USA Transport-Index.

Noch immer waren in den USA im Januar Aktien in Höhe von 447 Mrd. Kredit finanziert. Im Crashjahr 2000 waren es 278 Mrd., in 2007 381 Mrd. Die Stimmung ist nach ca. 15 Prozent Kursverlusten noch immer gut. Aktien sind alternativlos! Es hat ein Hedgefonds-Sterben begonnen. Im letzten Jahr schlossen fast 1.000 Fonds ihre Türen, so viele wie seit 2009 nicht mehr.

Zu einem dramatischen Problem könnte der Derivatemarkt werden. Gemäß der BIZ beträgt das Welt-BIP etwa 63 Billionen Dollar. Der Derivatemarkt ist mehr als zehnmal so groß (etwas 750 Bill.). Solche Summen werden den gesamten Kapitalmarkt destabilisieren. Völlig unverständlich ist mir, dass dieser Markt immer noch sehr intransparent ist. Viele Umsätze werden außerbörslich abgewickelt. Viele Zahlen sind geschätzt! Sie werden nicht in den Bilanzen der Banken ausgewiesen. Die Schweizer CS sollen 51 Bill. in den Büchern haben, die Deutsche Bank 54 Bill. (bei 1,6 Bill. Bilanzsumme). Aufsichtsbehörden und Kontrollorgane werden beruhigt, schließlich gleichen sich Netto (Calls und Puts gegengerechnet) die Risiken aus. Aber wehe am Wochenende passiert etwas Gravierendes, die Teilnehmer können erst am Montag reagieren und/oder ein Gegenpart der Geschäfte (wie damals Lehman Brothers) geht Pleite. Ein Domino-Day könnte blühen. Schon Warren Buffett bezeichnete diese Instrumente als Massenvernichtungswaffe der Finanzindustrie. Die Banken und Kontrollorgane agieren, als hätte es die Pleiten von LTCM, AIG, Fanny Mae und Freddy Mac nie gegeben.

In diesem Jahr weist Gold die beste Performance aus. Will uns der Krisen-Seismograph etwas sagen? Die Bestände der goldhinterlegten ETFs und des Spider Trust (+28,51 Prozent) in USA steigen kräftig. Nun erzielen Spezialinvestments wie Weine, Oldtimer und Kunst Höchstkurse, die zum Teil an Irrsinn grenzen und keinen Werterhaltungssinn konstatieren. Diese Entwicklung war oft Vorbote stark ansteigender Inflation.

Besonders die Beträge im Derivatebereich grenzen an Horror. Sollte das Segment implodieren, ist es nicht mehr beherrschbar. Egal in welchem Monat. Es sollen allein bei Zinsswaps „Wetten“ in Höhe von 320 Bill. existieren. Wenn die Zinsen „unerwartet“ und schnell anziehen, werden sich diese „Absicherungsgeschäfte“ sehr schnell als „Versicherungsbetrug“ herausstellen, weil heute schon klar ist, dass kaum ein Finanzinstitut in der Lage ist, ihrer Verpflichtung nachzukommen. Die Suprimekrise war dann dagegen nur ein Kindertheater. Dabei wollte man doch nach Lehman die Finanzmärkte eingrenzen und kontrollieren.

Aber das Gegenteil ist der Fall: Die globalen Schulden sind weiter angestiegen, der Finanzsektor unkontrollierbar aufgeblasen und damit sind die Risiken für das System um ein Mehrfaches gestiegen. Angeheizt durch die zinslose Liquidität der Notenbanken. Obwohl diese Strategie noch nie Erfolg hatte, wird sie verschärft fortgesetzt. Dies hat dazu geführt, dass den Giganten der Finanzbranche klar ist, dass sie im Notfall mit allen Mitteln (Steuerzahler und Sparer) gerettet werden. Gehen ihre Spekulationen auf, winken den Verantwortlichen (eher Verantwortungslosen) astronomische Boni. Im negativen Fall muss nicht nur die Allgemeinheit die Schieflage bezahlen, die Finanzmärkte werden kollabieren, wenn solche Wahnsinnssummen auf die Börsen treffen.

Denn diese idiotischen Größenordnungen gibt es nicht nur für Zinsen sondern auch als Kreditswaps oder für Aktien, Währungen und Edelmetalle. Zum Beispiel hat eine Unze Gold mehr als 500 mögliche Besitzer. Da die Margen der Spekulation höher sind als die Kreditspannen im traditionellen Kreditgeschäft, fließen die EZB-Gelder (logischerweise) direkt in die Spekulation. Anstatt diesem Trend entgegenzuwirken, werden jetzt sogar die Summen erhöht. Man könnte fast Böswilligkeit unterstellen. Und viele klatschen Beifall. Das haben die Tänzer für die Musiker auf der Titanic auch getan. Bis das erste Glas von Tisch rutschte …

Wenn man die Gedanken weiterdenkt, müsste ein Berater seinen Kunden raten, einen Teil ihres Vermögens in bar und in Gold- bzw. Silbermünzen oder Barren (bevor die Bargeldbegrenzung Gesetz wird) zuhause in einen Safe zu legen. Damit wäre man mit der Münchner Rück-Versicherung ja auch in bester Gesellschaft. Die Letzten beißen bekanntlich die Hunde.

Autor: Rolf Ehlhardt, Vermögensverwalter,
I.C.M. Independent Capital Management Vermögensberatung Mannheim GmbH