Der Konstruktionsfehler des Bitcoin

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André Kunze, Geschäftsführender Gesellschafter der Prometheus Vermögensmanagement GmbH/ Foto: © Prometheus

Man könnte meinen, es geht derzeit überall nur noch um den Bitcoin. Kein Sender, keine Zeitung, die nicht täglich über den digital-virtuellen Kryptotaler berichtet. Die Verfünfzehnfachung des Bitcoin-Kurses innerhalb von zwölf Monaten ist aber in der Tat beeindruckend. Oder ist sie doch eher erschreckend?

Ich selbst war lange Zeit ein Freund des Bitcoins. Das lag insbesondere daran, dass ich der Problemschiebeunddamitvergrößerstrategie der EZB der letzten Jahre nichts abgewinnen kann. Sinnvolle Alternativen zu den durch die Haushalts- und Notenbankpolitik entmannten Währungen stehe ich also entsprechend offen gegenüber.

Dabei kann ich mit Fug und Recht behaupten, dass ich die Idee hinter dem Bitcoin grundsätzlich verstanden habe. Trotz meiner aufrichtigsten Bemühungen bin ich allerdings nicht ansatzweise in der Lage, mit meiner überholten Bankkaufmannshandwerkskunst die technischen Einzelheiten des Bitcoins in der fleischig-analogen Blockchain meiner Synapsen mit sinnstiftender Logik zu archivieren. Ohne es überprüfen zu können, bin ich davon überzeugt, dass es mindestens 90 Prozent der Bitcoin-Fans genauso geht wie mir.

Wie man mit einer redundant dezentralen Blockchain-Datenbank mit kryptographischer Technik im Peer-to-Peer-Netzwerk aus Kilowattstunden Strom und Tera-Hashs Rechenleistung für das persönliche Wallet Bitcoins schürft, ohne dabei von der SegWit2x-Hardfork hinterrücks aufgegabelt zu werden, ist mir intellektuell schlicht und ergreifend zu hoch. Da erscheint vor meinem inneren Auge nur noch das Standbild vom Sendeschluss.

Dabei habe ich noch nicht einmal berücksichtigt, dass der Bitcoin von einem unbekannten Phantom namens Satoshi Nakomoto in die Welt gesetzt worden sein soll. klingt das nicht irgendwie ein bisschen nach unbefleckter Empfängnis 2.0? Ist der Bitcoin vielleicht gar die virtuelle Wiedergeburt des mit jungfräulicher Glaubenskraft geschaffenen Übergeldes? Wer 17.000 US-Dollar und mehr für einen Bitcoin zu zahlen bereit ist, der wird in der Tat einen unerschütterlichen Glauben an den Krypto-Gott haben müssen.

Oder liegt die Sache vielleicht doch ganz anders und wir sind mittlerweile einfach nur von allen guten Geistern verlassen? Für letzteres spricht sehr viel. Zum Beispiel, dass Mutti kürzlich vom Mädelsabend nach Hause kommt und Bitcoins kaufen will, weil sie ihr Leben am Ende nicht als Einzige in demütiger Bescheidenheit fristen will. Sind es nicht genau diese Momente, die einen bei der retrospektiven Kapitalmarktverdauung im Nachhinein immer hätten aufschrecken lassen sollen? Sicherlich ist das aber noch kein Grund, dem Bitcoin grundsätzlich die Freundschaft zu verweigern.

Auch dass es bei den Suchmaschinen nicht die ersten waren, die am Ende die Nase vorn hatten, muss uns am Bitcoin nicht unbedingt zweifeln lassen. Was aber, wenn eine Kryptowährung auf den Markt kommt, die es einfach besser macht – die man sogar als einfacher Bankkaufmann versteht und die nicht als virtuelles Wunder einer unbefleckten Empfängnis das Licht der Welt erblickt? Das Bessere ist schließlich der Feind des Guten. Fragen Sie mal den Marktanteil von Nokia, warum er die Kurve nicht gekriegt hat.

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