Der Grenznutzen der Demokratie

Andre_Kunze.jpg
André Kunze, Geschäftsführender Gesellschafter der Prometheus Vermögensmanagement GmbH/ Foto: © Prometheus

Die Sache mit dem Grenznutzen kennen Sie: Da will man erst etwas unbedingt haben und kann davon gar nicht genug bekommen, nur um sich am Ende zu fragen, wo der Reiz plötzlich hin ist. Wenn ich mir aktuell die mediale Berichterstattung und die Diskussionen im Freundes- und Bekanntenkreis über die beiden Kanzlerkandidaten und deren Parteiprogramm anhöre, überkommt mich mehr und mehr das Gefühl, dass auch unsere Demokratie ihren Reiz zunehmend verliert und wir den Grenznutzen der Demokratie bereits überschritten haben.

Worum geht es mir?

Wurde im Rahmen von Wahlen in diesem Land früher stets kontrovers und mit spitzer Zunge über wirtschaftliche und sozialpolitische Themen gestritten, erscheint es uns heute so, als verstünden Angie und Martin das TV-Duell als romantisch-knisterndes Flirt-Duell – nur um anschließend die Fusion von CDU und SPD bekanntzugeben.

Jahrzehntelang haben wir Deutschen für Demokratie, freie Märkte und soziale Gerechtigkeit gekämpft und gestritten und uns all dieses letztlich hart erarbeitet und redlich verdient. Die beiden großen Volksparteien waren dabei früher im Umgang miteinander alles andere als zimperlich und haben kein gutes Haar am jeweils anderen gelassen. Ich kann mich gut daran erinnern, dass die damaligen Wortgefechte insbesondere für die Medien durchaus unterhaltsam waren, als wirklich fruchtbar und befriedigend habe ich sie seinerzeit nicht empfunden. Viel zu häufig waren sie von Polemik und Populismus geprägt.

Heute kommt es mir so vor, als würde uns Deutschen diese alte, verkrustete Streitkultur fehlen. Anders kann ich mir nicht erklären, warum es Medien und Wählern derzeit nicht gefällt, dass die Ecken und Kanten in der politischen Diskussion fehlen. Allerorten wird sich beschwert, dass schwarz und rot ein belanglos-harmonisches kariert ergeben.

Dabei hat diese neue politische Harmonie eine frappierend einfache Logik: Wir sind schlicht und ergreifend mit unserem Land an einem Punkt angelangt, an dem wir die großen und entscheidenden Probleme gelöst haben. Man könnte es auch so sagen: Die Demokratie hat bei uns in Deutschland ihr Ziel erreicht.

Wir sind das Land mit der gesündesten Wirtschaft der Welt. Wir haben die soziale Gerechtigkeit neu definiert und auf ein Niveau gehoben, von dem andere Länder nur träumen können. Wir haben trotz aller Flughafen- und Autobahnbrücken-Diskussionen eine ihresgleichen suchende Infrastruktur und kümmern uns gleichzeitig immer intensiver um unsere Umwelt.

Warum also sollten wir uns da noch wie die Berserker streiten? Alle Parteien der Mitte haben verstanden, dass Wirtschaft sozial und umweltbewusst sein muss und dass die Freiheit der Menschen das wichtigste Gut ist. Während wir also eigentlich alles erreicht haben, was eine Demokratie erreichen kann, sind wir mit dem Erreichten immer noch nicht zufrieden. Stattdessen sehnen wir uns die erbitterten, politischen Diskussionen früherer Jahrzehnte zurück.

Wäre es eigentlich nicht mal an der Zeit, innezuhalten und sich bewusst zu machen, in welch himmlischem Umfeld wir im Vergleich zu früheren Jahrzehnten und insbesondere im Vergleich zu anderen Staaten leben?

Letztlich geht es uns heute so gut, dass uns keine anderen Diskussionen bleiben, als über den Sinn und Unsinn von Mautgebühren zu streiten. Oder über die effizientesten Abschieberegeln von kriminellen Asylbewerbern. Wie gut muss es einem Land aber gehen, wenn das die einzigen Probleme sind, bei denen die politische Mitte heute noch kontrovers diskutieren muss?

Eines sollte uns allen klar sein, wenn es um Demokratie geht: Hat die Demokratie alle ihre Ziele erreicht, beschäftigen wir uns am Ende nur noch mit der Frage, ob Mineralwasser still oder doch eher leise sein sollte. Allzu weit davon weg sind wir in Deutschland nicht mehr.

Das mag dem einen oder anderen etwas langweilig erscheinen. Das ist halt die Krux an der Sache mit dem Grenznutzen. Langweilig meinetwegen, aber ganz ehrlich: Es ist der Himmel auf Erden. Wer darüber permanent nörgelt, hat ihn am Ende nicht verdient.

Kolumne von André Kunze, Geschäftsführender Gesellschafter der Prometheus Vermögensmanagement GmbH