Der Fluch der bösen Tat

Rolf Ehlhardt, Vermögensverwalter, I.C.M. Independent Capital Management Vermögensberatung Mannheim GmbH / Foto: © I.C.M.

Wer die Überschrift liest, denkt vielleicht sofort an den Brexit, die Wahl Trumps in Amerika oder das laissez faire gegenüber Erdogan. Nein, meine ich nicht. Ich meine auch nicht die Wiederwahl von Merkel, die Wahl von Macron und schon gar nicht die Hochzeit in England. Bei fast allen Entscheidungen merkt man erst dann, dass sie falsch war, wenn es zu spät ist. So dürfte es auch bei der Notenbankpolitik kommen, bezüglich der derzeitigen Manipulation der Zinsen. Ein fataler Fehler bleibt ein fataler Fehler, auch wenn er gut gemeint war.

In der letzten Finanzkrise war es zunächst richtig, den Markt mit Geld zu versorgen und die Zinsen zu reduzieren. Die Notenbanken druckten Geld, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Das tun Geldfälscher übrigens auch. Aber es hat ja funktioniert, denn die Wirtschaft in Europa, allen voran in Deutschland, läuft wie geschmiert, teilweise auf Hochtouren. Allerdings war diese Strategie keine zeitlich begrenzte Hilfsmaßnahme, sondern wurde zum Dauerdoping.

Europa, vor allem die Peripheriestaaten haben versäumt, den Aufschwung und die niederen Zinsen zu Reformen zu nutzen. Sie haben weiter über ihre Verhältnisse gelebt, den Lebensstandard über noch höhere Schulden weiter finanziert. Italien will das jetzt sogar noch steigern. Denn der noch größere Schuldenberg hat durch die Minizinsen weniger Zinskosten verursacht als vorher. Und damit es nicht so auffällt, hat man die Verbindlichkeiten in Bad Banks, ESM, EFST oder Targetsalden versteckt. Mittlerweile ist in vielen Ländern die Verschuldung höher als das BIP und die Schulden wachsen schneller als die Wirtschaft. Aber ein höherer Schuldenberg ist nicht die langfristige Basis für Wohlstand, sondern steigert nur die Fallhöhe.

Auch der private Konsum wurde durch die Null-Zins-Politik massiv angeregt. Leider wurden dazu weniger die Sparkonten geplündert, sondern die Konsumenten verschuldeten sich, teilweise „bis zur Halskrause“. Ob Immobilien, Autos (nur noch ein Drittel werden aus Guthaben bezahlt), Fernseher, Computer und IPhones, selbst Möbel, Handtaschen und Klamotten werden auf Pump gekauft oder geleast. Man kaufte Dinge, die man sich in zehn Jahren hätte noch nicht leisten können.

So war es nicht nur in Europa, sondern auch in Japan, in den Schwellenländern und in den USA. In den USA haben Staatsschulden, Firmenbonds, aber auch Kreditkartenschulden, Studentenkredite, Autofinanzierungen, sogar Lombardkredite neue Höchstkurse erreicht. Das Problem ist nicht nur die prozentuale Verschuldung, sondern die Gesamthöhe. Es ist nun mal ein Unterschied, ob 100 Milliarden oder 60 Billionen zu refinanzieren sind.

Wirtschaftszyklen laufen immer gleich ab. Ein steigender Konsum fördert die Investitionen, die Löhne steigen. Es folgt der Wirtschaftsaufschwung bis zum Boom. Dann irgendwann ist der Konsument gesättigt, die Zahlen schwächeln und der Zyklus dreht bis hin zur Rezession. Durch die Zinsmanipulation wurde der derzeitige Boom-Zyklus verlängert, weil auch unrentable Investitionen finanziert wurden und der Konsument vor- und über konsumiert hat.

Nun stehen drei „schwarze Schwäne“ vor der Tür. Die Schweiz stimmt am 10. Juni über die Vollgeld-Initiative ab. Sie würde dem Konsumwahn auf Kredit ein Ende bereiten. Wehe, wenn die Zustimmung erfolgt und das Experiment gelingt. Das könnte Schule machen. Zum zweiten scheint die Weltwirtschaft zu schwächeln. Noch keine Rezession, aber der Boom lässt nach. Die Stimulation durch fallende Zinsen entfällt. Der Konsument hat schon alles gekauft. Gleichzeitig steht drittens eine höhere Inflation ins Haus. Verschiedene Signale steigen bereits. Die Lohnsteigerungen sind jenseits der drei Prozent, die Rohstoffpreise klettern zweistellig (zum Beispiel Öl), ebenso die Nahrungsmittel.

Noch federt der schwache Dollar ein wenig ab. Die Mieten ziehen schon lange kräftig an. Letztes Jahr um über neun Prozent. Auch Produkte aus Asien verteuern sich merklich. Und protektionistische Maßnahmen schlagen sich letztendlich in den Preisen nieder. Die Notenbanken haben sich mit ihrer Geldpolitik in eine verzwickte Situation manövriert. Steigt nämlich die Inflation deutlich über zwei Prozent müssten sie die Zinsen erhöhen. Da aber gerade jetzt die Wirtschaft schwächelt, würde ein Anziehen der Zinsen die Wirtschaft zusätzlich tangieren.

Auch würde die Finanzierung der besonders hoch verschuldeten Länder noch schwieriger werden. High-Yield-Anleihen könnten platzen (Moody´s warnt bereits). Banken mit hohen Risiken kollabieren. Der Fuchs müsste versuchen sich in den Schwanz zu beißen. Die Zinspolitik der Notenbanken wird zum Bumerang.

Die Kreditmärkte verlangen in diesem Szenario höhere Renditen (wegen steigender Risiken). Die Notenbanken können dies aber ja nicht zulassen. Sie müssen mit der Gelddruckmaschine dagegenhalten. Auf Deutsch: Sie müssen inflationieren. Vielleicht sogar mit Minuszinsen. Die Anleger heben ihr Geld von ihrem Konto ab. So entsteht Panik.

Für den Anleger bedeuten steigende Minus-Realzinsen: Geldwertverluste. Wer sich ärmer fühlt, konsumiert nicht. Im schlimmsten Fall kollabiert die kreditfinanzierte Wirtschaft. Dann die Kapitalmärkte. Hier werden mehr als 750 Billionen an Derivaten ihren Teil dazu beitragen. Nicht die Rendite darf heute oberste Prämisse genießen, sondern die Vermögenserhaltung.

Ein wahrlich erschreckendes Szenario. Es muss nicht so kommen, aber es ist denkbar und wird von ernstzunehmenden Volkswirten auch prophezeit. Vielleicht versteht der Leser jetzt meine Strategie, 20 Prozent seines Vermögens in Edelmetallen zu investieren. Nein? Bedenke: Wer zu spät kommt, den bestraft der Markt.

Kolumne von Rolf Ehlhardt, Vermögensverwalter, I.C.M. Independent Capital Management Vermögensberatung Mannheim GmbH