Der Anleger in der Bredouille

Rolf Ehlhardt, Vermögensverwalter, I.C.M. Independent Capital Management Vermögensberatung Mannheim GmbH

Die aktuelle Misere der Überschuldung vieler Staaten und bei gleichzeitig zu geringem Wachstums verleiteten die globalen Notenbanken zum Versuch, durch dramatische Erhöhung der Liquidität die Zinsen zu senken, um die Staatenfinanzierung zu gewährleisten und gleichzeitig das Wirtschaftswachstum und Inflation wieder zu steigern.

In Japan erfolglos angewandt schon seit 1990, in den USA verstärkt, aber auch wenig erfolgreich, seit der Finanzkrise 2007. Obwohl es sich erwiesen hat, dass sich nachhaltiges Wachstum nicht herbeidrucken lässt, hat inzwischen auch Europa die Gelddruckmaschinerie auf Volldampf geschaltet. Die Zinsen sind nahe Null angekommen. Missstände werden nicht reformiert, sondern finanziert. Für Kreditnehmer ein Vorteil, für den Kapitalanleger ein Desaster. Die Niedrig-Zins-Politik der Notenbanken weltweit beinhaltet vor allem 3 Problematiken:

  1. Sie generiert kein dauerhaftes Wirtschaftswachstum, aber erhöht die Schuldenberge
  2. Sie ist ein Blattschuss für die Altersvorsorge (z.B. Sparbuch, Lebensversicherungen, Pensionsfonds)
  3. Sie macht eine risikolose Geldanlage unmöglich

Da eine Änderung der Notenbankpolitik vorläufig nicht zu erwarten ist, muss der Anleger sich entscheiden zwischen langfristiger Kaufkraftentwertung oder Inkaufnahme von größeren Wertschwankungen (Volatilität) seiner Kapitalanlagen. Wie sagt Philipp Vorndran (Flossbach von Storch) so schön – „Ohne Vola keine Cola.“ Unser Lösungsansatz heißt: Breite Diversifikation des Vermögens. Aber leichter gesagt als getan. Liquidität muss grundsätzlich sein, aber sollte aufgrund der Zinssituation prozentual klein gehalten werden. Bonitätsstarke festverzinsliche Anleihen entfallen aus demselben Grund. Aus dem risikolosen Zins ist ein zinsloses Risiko geworden. Große Gefahren entstehen durch die Strategie, den Bonitätsstandard kräftig zu reduzieren, um „erträgliche“ Zinsen zu erwirtschaften. Mit kurzlaufenden Discount-Zertifikaten oder Aktienanleihen kann man bei etwas erhöhtem Risiko eine erträgliche Rendite für die Liquidität erzielen. Aber diese Anlageklassen sind keine Substanzwerte, sondern Schuldverschreibungen, das heißt der Käufer hat nicht nur das Markt-, sondern auch ein Emittentenrisiko. Edelmetalle als Gegenpol für den Fall von eskalierenden Krisen sind zwar derzeit dringend anzuraten, lösen aber nicht das Bedürfnis von Kapitalerträgen. So „flüchten“ viele Anlagesuchende in Aktien und Wohnimmobilien. Wir befürworten als Vermögensbasis den Kauf der selbstgenutzten Immobilie. Die als Kapitalanlage gedachte Immobilie hat sich heute an vielen Standorten so sehr verteuert, dass die Mietrendite erschreckend niedrig ist und somit für die Risiken wie z. B. Mieterausfall, Renovierungskosten und Preisrückgang nur unzureichend entschädigt. Eine Investition darin bindet oft einen großen Teil der Liquidität. Bei der Renditeberechnung bleibt meist unberücksichtigt, dass bei Kauf ca. 10 % Kosten (Maklergebühren, Grunderwerbssteuer) anfallen und sich dadurch der Kaufpreis insgesamt erhöht und damit die Rendite noch geringer ausfällt. Und Vorsicht: Die Commerzbank und andere sehen schon Anzeichen einer Preisblase. Gewerbeimmobilien bieten sich nur für fachlich versierte Personen oder in Form eines von Profis gemanagten Fonds an. Vorteile eines Fonds sind für den „Normalanleger“, dass der Käufer oft an mehreren Immobilien beteiligt ist (Risikostreuung), und dass die Höhe des Investments individuell angepasst werden kann. Wir bevorzugen einen Zweitmarktfonds, der durch günstigen Einkauf einen Teil der Risiken bereits abgefangen hat. Verbleibt zur Anlage die Assetgruppe Aktien. Sie hat mit Wohnimmobilien eines gemeinsam: Sie sind schon teuer, ohne dass man ausschließen kann, dass die Preise nicht noch weiter steigen. Sie unterliegen allerdings im Gegensatz zur Immobilie der permanenten Bewertung an der Börse. Damit sind deren Kursschwankungen auch für den Anleger jederzeit ersichtlich und kann dann bei kräftigen Kursrückgängen zu einem psychischen Problem werden. Der Käufer geht ein unternehmerisches Risiko ein, das sich bei unerwarteter, negativer  Unternehmensentwicklung (wie z. B. bei VW) gravierend auf Börsenkurs oder Dividendenzahlung auswirken kann. Als Risikoausgleich liegt die Dividendenrendite für Qualitätsaktien durchaus bei 3 bis über 5 % im Jahr. Langfristig haben die Anleger mit der überwiegenden Anzahl von „guten“ Aktien bisher allerdings überdurchschnitte Renditen erzielen können. Fazit: Ein qualifiziertes Konzept für die Aufteilung seines Gesamtvermögens ist des Anlegers 1. Pflicht. Nur so lassen sich die spezifischen Risiken der einzelnen Assetgruppen eingrenzen. Extrem wichtig ist hierbei die realistische Einschätzung des individuellen Anlagehorizontes. Ein Festhalten an Qualitätsstandards hilft bei der Risikoeingrenzung ebenso wie die Diversifikation innerhalb der einzelnen Anlageklassen. Renditeerwartungen müssen an die aktuelle Marktsituation angepasst sein. Die Vermögensaufteilung muss permanent überprüft und gegebenenfalls entsprechend verändert werden. Denn für das Geld gilt das gleiche wie für eine geliebte Frau: Man muss sich drum kümmern.

Von: Rolf Ehlhardt, I.C.M. Independent Capital Management Vermögensberatung Mannheim GmbH