Deflation: Wenn Preise auf die schiefe Bahn geraten

Dr. Marc-Oliver Lux von Dr. Lux & Präuner / Foto: © Dr. Lux & Präuner

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat „Deflation“ als größte Gefahr deklariert und versucht seit Jahren mit immer neuen Geldmaßnahmen dagegen anzugehen. In einer Deflation wird alles zunehmend billiger – und die Käufer freuen sich. Doch für Schuldner kann es gefährlich werden.

Ursprünglich stammt die Deflationsthese von Ökonomie-Nobelpreisträger James Tobin: „Wer fallende Preise erwartet, der verschiebt Käufe und hält lieber Geld“, schrieb Tobin. Denn Geld unter der Matratze oder auf dem Girokonto bringt immerhin einen Nominalzins von Null. Wenn die Preise im Schnitt um zwei Prozent pro Jahr fallen, entspricht das einem Realzins von zwei Prozent. Das ist so gut wie zwei Prozent Zinsen bei Preisstabilität. Ökonomen des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel jedoch meinen, Tobin widerlegt zu haben. So sei bei Gütern mit längerfristig fallenden Preisen wie etwa EDV-Gütern überhaupt keine Konsumzurückhaltung feststellbar. Allerdings sticht dieses Gegenargument der Kieler nicht richtig. Denn wenn nur manche Güter billiger werden, im Durchschnitt aber die Preise steigen, dann bringt Bargeld keinen positiven Realzins, Geldhaltung im Sinne Tobins lohnt sich also nicht. Die EZB stellte in früheren Jahren vor allem darauf ab, die Inflationserwartungen „fest verankert“ zu halten. Mittlerweile redet Draghi aber lieber davon, dass die EZB alles tun werde, um ihr Inflationsziel von knapp zwei Prozent zu erreichen. Er betont, dass schon eine lange Zeit von zu niedriger Inflationsraten ein Problem darstellt. Auf die Unterschreitung der Nulllinie kommt es dabei also gar nicht an. Draghi kann sich auf Irving Fisher berufen, der schon 1933 als Lehre aus der damaligen Krise die These von der Schuldendeflation aufstellte. Die Investoren und sonstigen Schuldner haben danach eine bestimmte Inflationsrate einkalkuliert, um die der tatsächliche Wert ihrer Schulden jedes Jahr abnimmt. Bleibt die Inflation längere Zeit deutlich hinter diesen Erwartungen zurück, so erweist sich die Verschuldung nachträglich als zu hoch. Sie versuchen, Schulden abzubauen, und geben weniger Geld aus. Wenn das massenhaft passiert, sinkt die Nachfrage und damit wiederum die Einkommen, aus denen der Schuldendienst zu leisten ist. Gleichzeitig sinkt der Geldumlauf in dem Maße, wie insgesamt Schulden getilgt werden. Der Druck auf die Preise nach unten nimmt zu. Wenn viele Schuldner es nicht schaffen, die immer schwerer werdende Schuldenlast zu tragen, nehmen die Kreditausfälle zu und die Banken bekommen ein Problem. Das ist in einigen Krisenländern – zum Beispiel akut in Italien – bereits in starkem Maß zu beobachten. Die Schuldendeflation schlägt dann besonders stark durch, wenn die Verschuldung der Unternehmen und Haushalte relativ zur Wirtschaftsleistung hoch ist – so wie das vor der Weltwirtschaftskrise und vor Ausbruch der aktuellen Finanzkrise der Fall war. Der spätere Notenbankchef Ben Bernanke warnte deshalb 1999 in Bezug auf die Deflationsprobleme Japans, dass Nullinflation im damaligen Umfeld hoher Verschuldung viel gefährlicher sei als noch zu früheren Zeiten. Die hochverschuldeten Unternehmen in Spanien, Griechenland und Zypern, aber auch die nicht ganz so hochverschuldeten in Italien können heute ein Lied davon singen. Rechnet man den Einfluss von gestiegenen indirekten Steuern heraus, so sind die Preise, die sie bei den Verbrauchern durchsetzen können, in den letzten Monaten effektiv gesunken, anstatt gemäß dem Inflationsziel der EZB um zwei Prozent zu steigen. Haben sie mit dieser Zielrate kalkuliert, ist ihr Schuldendienst relativ zum Einkommen um den Differenzbetrag (also zwei Prozent plus X) höher als gedacht – Tendenz steigend. Vor diesem Hintergrund wird Draghi seine Politik der Geldmengenausweitung wohl kaum ändern.

von Dr. Marc-Oliver Lux von Dr. Lux & Präuner GmbH & Co. KG in München

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