„Das KI-Modell hat den Richtungswechsel erfolgreich antizipiert“

Pablo Hess (li.) und Michael Günther (re.) - Foto: © Tungsten TRYCON

Ersetzt die künstliche Intelligenz (KI) den Menschen respektive das Fondsmanagement? Auf welche Parameter es beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz zu achten gilt, das erläuterten Pablo Hess und Michael Günther, Portfoliomanager des Tungsten TRYCON AI Global Markets, im Gespräch.

 

finanzwelt: Was gilt es beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz zu beachten?

Pablo Hess: KI ist in der Asset Management-Branche ein vielschichtiges Thema. Für uns, Tungsten Trycon, geht es darum, mittels eines selbstlernenden Systems, das sich KI-Algorithmen zunutze macht, intelligente Anlageentscheidungen zu treffen.

Dafür benötigen wir einerseits eine Technologie, die börsentäglich eine siebenstellige Zahl an Informationen auswertet. Die KI nutzen wir zu 100 Prozent zur Identifizierung der Handelssignale für Allokationsentscheidungen.

Zum anderen benötigen wir dazu Daten, mit der die Portfolio-Software gespeist wird. Wir verwenden dafür vornehmlich eine große Menge an Preis- und Umsatzdaten. Deren Verarbeitung kann den Aufwand herkömmlicher Handelssignale durchaus um das 100.000fache übersteigen.

finanzwelt: Beschreiben Sie bitte etwas den Investment-Vorgang?

Michael Günther: Unsere KI analysiert täglich Millionen von Datenpunkten. Sie prüft dabei Handelsgelegenheiten in 60 globalen Märkten in den Bereichen Aktienindizes, Anleihen, Währungen und Volatilität. Anspruch ist es, positive Ergebnisse mit geringer Abhängigkeit von Aktien- und Anleihemärkten zu erwirtschaften. Dies ist in den vergangenen sieben Jahren, in denen wir circa 35.000 Börsentransaktionen mit diesem Modell ausgeführt haben, gut gelungen. Die Korrelation mit traditionellen Assetklassen liegt im Bereich unter 0,2 bzw. praktisch bei null.

Das Modell hat im aktuellen Umfeld noch einen besonderen Vorteil: Da Staatsanleihen ihre gewohnte Rolle zur Absicherung und als Quelle zur Generierung stabiler Erträge weitgehend verloren haben, suchen Anleger nach Alternativen. Eine entsprechend konstruierte KI-Lösung kann einige dieser verlorengegangenen Eigenschaften kompensieren, insbesondere eine positive Renditeerwartung bei moderater Volatilität und täglicher Liquidität. Und nicht zuletzt die Schutzfunktion, da die KI dynamisch die Positionierung anpassen, also Long als auch Short gehen, kann.

finanzwelt: Kann KI Kursstürze wie im Zuge der Corona-Pandemie antizipieren?

Hess: In der Drawdown-Phase bis März dieses Jahres, in der viele Fonds erhebliche Verluste hinnehmen mussten, reagierte unser System sehr sachlich und konsequent, ohne emotionale Befangenheit. Das KI-Modell hat den Richtungswechsel erfolgreich antizipiert. So erwirtschaftete der Tungsten TRYCON AI Global Markets (WKN: HAFX29) – entgegen trendmäßiger Panik und Notverkäufe am Markt – ein Plus von mehr als 5 Prozent.

Unsere positive Performance – während im Markt dagegen teils drastische Kursstürze passierten – ist überwiegend auf den frühzeitigen Aufbau von Short-Positionen in den Aktienmärkten sowie europäischen und US-Aktienindex-Futures zurückzuführen. Dies unterstreicht den Vorteil, KI in einem Mantel zu nutzen, mit dem der Fonds von steigenden als auch fallenden Kursbewegungen profitieren kann.

 

finanzwelt: Menschen handeln oft irrational. Wie geht KI damit um?

Günther: Die Punkte aus den Behavioral Finance-Wissenschaften, die Sie ansprechen, darunter die Anfälligkeit von Anlegern für emotionale Verhaltensweisen, sind im aktuellen Umfeld, das von Unsicherheit geprägt ist, sicher von besonderer Relevanz.

Zwar lässt sich die Leistungsfähigkeit von Menschen und Maschine nur schwer vergleichen, ihre jeweiligen Stärken liegen auf unterschiedlichen Feldern. Es gibt unbestritten Aufgaben, die der Computer rational besonders gut und hocheffizient erledigen kann. Dazu zählen wir die nüchterne Auswertung von Wahrscheinlichkeiten und die Verarbeitung von Daten.
Ein Beispiel: Menschen neigen dazu, an einmal getroffenen Investmententscheidungen gerne festzuhalten. Oder nur Nachrichten wahrzunehmen, die die eigene Marktmeinung stützen. Also ganz ähnlich der Diskussion über Filterblasen und Echokammern, die wir in anderen Kontexten derzeit vermehrt haben. An diese Themen geht die maschinelle Intelligenz natürlich unbefangener und ohne „emotionalen Bias“ heran. Die KI kann sehr viele, auch nichtlineare Zusammenhänge und Einflussgrößen, in einer Entscheidung berücksichtigen. Trotzdem müssen Sie den Computer entsprechend trainieren. Damit die KI nicht übersteuert, gehört dazu auch das Risikomanagement, also ein menschlicher Controller, der der Maschine strikte Vorgaben macht.

 

finanzwelt: Wie steht es um die Performance entsprechender Fonds-Angebote?

Günther: Die Angebote im deutschsprachigen Markt für KI-gesteuerte oder -gestützte Fonds sind recht heterogen. Allerdings dürfte es sogar weltweit insgesamt nur einige Dutzend Fonds geben, die ausschließlich KI zur Prognose bzw. Modellierung von Kursbewegungen nutzen und auf das Portfoliomanagement ableiten. Als Fondshaus mit einem gereiften KI-Multi-Asset Long/Short-Ansatz gehören wir hier sicherlich zu den Vorreitern.

Viele Anbieter beschäftigen sich derzeit mit KI-Konzepten. Die Daten, die dabei genutzt werden, sind sehr unterschiedlich. Unser Publikumsfonds Tungsten TRYCON AI Global Markets liegt YTD, per Ende Oktober, mit 4,2 Prozent im Plus. (ah)